Eva Marchart - Von der Beraterin zur Chefin

24. Juni 2002, 17:07
posten

"Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau, die ihm den Rücken freihält. Hinter jeder erfolgswilligen Frau stehen drei Männer, die sie bremsen", heißt es. - Nicht so im Fall Eva Marchart, Vorstandsdirektorin der Raiffeisen Centrobank AG, die mit Johanna Zugmann über Karriereweichen sprach.

Am Gang zum Direktionsbüro hängt moderne Kunst. Bilder aus der Privatsammlung der 46-Jährigen, die vor eineinhalb Jahren zum Mitglied des Vorstandes der Raiffeisen Centrobank AG avancierte. - Ganz ohne Headhunter und ohne Vitamin B. - Einfach abgeworben vom Vorstand des Hauses, in das die ganzheitliche Denkerin mit einem auf sechs Monate anberaumten Beratungsauftrag kam. Und den die damalige Leiterin der Finanz- und Rechtsabteilung eines großen internationalen Handelshauses in den ersten drei Monaten so erfüllte, dass sie sich als Idealmitarbeiterin des Aktienhauses, das heute als Topanbieter für die gesamte Finanzdienstleistungs-Palette gilt, profilierte.

Der Blick aus dem Fenster von Eva Marcharts Innenstadtbüro schweift auf den zum Greifen nahen Stephansdom. Hier arbeitet die promovierte Juristin, die anschließend ans Doktorat noch Studien in Politikwissenschaft und Publizistik und Studienteile für Buchhaltung, Bilanzierung und Datenverarbeitung durchlief, durchschnittlich von 8.30 Uhr bis knapp vor 20.00 Uhr.

"Eigentlich wenig für diese Position", so Marchart, die für Organisation und Verwaltung für das Stammhaus in Wien sowie die internationalen Handelstöchter zuständig ist. Das bedeutet Verantwortung für die Bereiche Personal und damit für 130 Mitarbeiter, Recht, Steuern, Rechnungswesen und Controlling, IT, Facility Management, Back Offices und Special Financial Services für komplexere, auch grenzüberschreitende Finanzprodukte.

"Kein Fall gleicht dem nächsten", resümiert Marchart und nennt als direkte Mitbewerber "Goldman Sachs und Merrill Lynch". Schließlich verdient ihr Haus nicht mit biederen Allerwelts-bankprodukten Geld, sondern mit ausgefinkelten Projekten in den Bereichen des Aktien-, Derivativ- und Private Equity-Marktes sowie Börsengängen. - Auf einem österreichischen und zentraleuropäischen Niveau mit den geografischen Schwerpunkten deutschsprachiger Raum und "Emerging Europe". Wobei den Kunden nicht bloß Geld, sondern ganze Leistungspakete inklusive Strategien - von der Nachfolgeplanung bis hin zum Expansionsplan - kredenzt werden.


Wendiges Beiboot

Seit McKinsey eine dementsprechende Empfehlung abgegeben hat, wird unter dem Dach der schlanken Investmentbank zusätzlich zum Eigengeschäft auch das gesamte Aktien- und Private-Equity-Geschäft des Hauptaktionärs, der RZB, abgewickelt.

Während Marchart sich persönlich ganz bewusst für ein kleines Unternehmen entschieden hat, sind bei der Integration der vormals in der Großbank tätigen 40 Mitarbeiter in die nunmehr als wendiges Beiboot der RZB agierende Centrobank emotionale Kompetenzen gefordert.

Zehn Gehminuten vom Büro entfernt bereitet die Mutter eines 17-jährigen Sohnes allabendlich eine warme Mahlzeit zu, die die beiden an so heißen Tagen wie diesen auf der Dachterrasse einnehmen.

Dass aus dem Nachwuchs geworden ist, was Freunde schlicht als "Modellkind von einzigartiger Liebenswürdigkeit" beschreiben, liegt vielleicht an den handyfreien Zonen, die die zur Selbstausbeutung neigende Topbankerin eingerichtet hat. Oder daran, dass sie private Termine bewusst wichtig nimmt.

Komplexe Projekte zu managen ist Marcharts Qualität, von Weinen versteht sie viel, und Kochen ist ihr Hobby. Eines, das sich kapazitätsorientiert dosieren lässt, ebenso wie das zweite, nämlich Bücherlesen. Denn ab 23.00 Uhr wird daheim erledigt, was im Büro liegen geblieben ist.

Von einer positiven Vaterfigur, der sie ihre fundierte Ausbildung verdankt, spricht die nunmehrige Topbankerin. Und dass ihr Entdecker und Förderer, Centrobank-Vostandsvorsitzender Gerhard Vogt, vorgelebt hat, was Marchart fortsetzt: das Bewusstsein, nicht auf Ressourcen wie ausgezeichnete weibliche Mitarbeiter verzichten zu können. Fazit: Eine Führungsstruktur in erster und zweiter Ebene von zehn Herren und sechs Damen. (Johanna Zugmann/DER STANDARD, Printausgabe, 22.06.2002)

  • Artikelbild
    foto: der standard/matthias cremer
Share if you care.