Persönliche Beziehungen

23. Juni 2002, 20:16
posten

Steuerhinterziehung & Kunst: Präzedenzfall in New York

Auf dem New Yorker Kunstmarkt werden jährlich 25 Mrd. Dollar umgesetzt. Wenn Kunsthändler und Sammler über den Preis eines Objekts verhandeln, ist auch die Umsatzsteuer von 8,25 Prozent ein wichtiger Aspekt. Mit der Verhaftung von Dennis Kozlowski gewinnt das Thema an Brisanz. Denn dem ehemaligen Chairman und Vorstandsvorsitzenden von Tyco International Ltd. wird vorgeworfen, den Fiskus beim Kauf von sechs Gemälden um eine Mio. Dollar betrogen zu haben. "Das ist erst die Spitze des Eisbergs", formuliert Robert Morgenthau, Bezirksstaatsanwalt von Manhattan.

Einer besonderen Aufsicht unterliegt die Kunstszene bisher nicht. Auf persönliche Beziehungen kommt es an. Händlern zufolge würden sich nur wenige namhafte Galerien auf illegale Geschäfte einlassen. Allerdings sei der Druck, einen Verkauf erfolgreich abzuschließen, sehr groß. Durch den privaten Charakter vieler Transaktionen wird die Umsatzsteuer gerne vergessen. "Das ist gang und gebe", bestätigt Elizabeth Dee, Inhaberin der auf zeitgenössische Kunst spezialisierten Galerie Dee/Glasoe in Manhattan: "Viele Kunden übersehen dabei, dass sie das Gesetz verletzen."

Durchschnittlich einmal im Monat wird sie nach steuerlichen Schlupflöchern gefragt. Das dürfte sich jetzt ändern. Wie Morgenthau auf einer Pressekonferenz Anfang Juni erklärte, soll klar werden, dass Steuerhinterziehung bestraft wird. "Die Stadt braucht das Geld, da gibt es kein Pardon", so der Bezirksstaatsanwalt. "Das kommt einem Erdbeben gleich", kommentiert Megan Fox Kelly, freie Kunstberaterin. "Davon sind alle betroffen, vom Sammler über den Berater bis zum Händler." Weil die meisten Galerien im Privatbesitz sind, dort also weder Aktionäre noch Aufsichtsräte nach dem Rechten sehen, sind die Behörden auf die Steuererklärungen angewiesen.

Häufig wissen die Kunsthändler gar nicht, dass sie sich strafbar machen, sagen Galeristen und verweisen insbesondere auf die wohlhabenden Kunden, die mehrere Wohnungen in unterschiedlichen Bundesstaaten haben. Beim grenzüberschreitenden Verkauf entfällt die New Yorker Umsatzsteuer auf Kunstobjekte. Kozlowskis Gemälde kamen von der Londoner Galerie Richard Green und dem New Yorker Kunsthändler Alexander Apsis, berichtet die New York Times unter Berufung auf informierte Kreise. "Wir wissen von den Ermittlungen", bestätigt Victoria Law, Assistentin von Green: "Aber wir glauben nicht, dass wir in einen Rechtsbruch verwickelt sind."

Auch Richard Katzberg, Anwalt des New Yorker Kunsthändlers, verwirft diesen Vorwurf. "Alexander Apsis ist sich keiner Schuld bewusst. Er hat sich immer an das Gesetz gehalten." Apsis, früher verantwortlich für Impressionismus und Moderne Kunst bei Sotheby's, ist ein alter Hase der Kunstszene. Kozlowski, der aus Tyco International ein 100 Mrd. Dollar schweres Konglomerat machte, bevor er am Montag zum Abschied gezwungen wurde, plädierte auf "nicht schuldig". Gegen eine Kaution in Höhe von drei Mio. Dollar wurde er auf freien Fuß gesetzt, musste aber seinen Pass abgeben. Bei der Auswahl der sechs Gemälde wurde der 55-Jährige von Christine A. Berry, Art Director bei Fine Collections Management, unterstützt. "Ihre Aufgabe ist es, Kunstliebhaber zu beraten", betont Brad Goldstein, Sprecher der Kunstberatung, die Büros in New York und West Palm Beach hat. "Der Kunde gab spezielle Anweisungen und die hat sie ausgeführt." (Nina Siegal/Bloomberg/ ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 22./23.6.2002)

Share if you care.