Das Glück am Ende der Strecke

21. Juni 2002, 22:35
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Wo alle hinwollen, was kein Zug je erreicht: Train-Songs handeln davon, unbeirrbar

"I see a light at the end of the tunnel now, someone please
tell me it's not a train!" (Cracker)

Woody Guthrie, Duke Ellington, Bruce Springsteen und Oscar Peterson. Nick Cave, Kraftwerk, Motörhead und Louis Prima. Bob Marley, Al Green, B. B. King, Bob Dylan und CCR. Aretha Franklin, R.E.M., Willie Nelson und Soul Asylum: Sie haben es getan. Sie alle und unzählbare andere Künstler haben Train-Songs geschrieben und gesungen, sie belebt und durchlitten. Denn sobald in der populären Musik ein Zug auftaucht, wird es bedeutungsschwer.

In den seltensten Fällen hält ein Train-Song nur zur Beschreibung eines Ortswechsel von A nach B her. Er zieht nicht nur Waggons, beladen mit Kohle, Holz oder Vieh, er interessiert sich für die Schicksale der Menschen, die er bewegt. Beginnend bei verwegenen Lokomotivführern und rußgeschwärzten Maschinisten bis zu zwielichtigen Passagieren, vom Falschspieler bis zum bewaffneten Priester, reicht der Reigen der Charaktere, der Mythen oder zumindest der mythisch aufgeladenen Themen. "I pull a heavy load", wie es der Eisenbahnfreak Neil Young auf den Punkt bringt. Und tatsächlich: "Tell the gossipers and liars I will see them in the fire, let the train blow the whistle when I go" - biblische Vergleiche und archaische Bilder bemüht Johnny Cash, wenn er einen Zug besteigt und sich von seiner Liebsten verabschiedet.

Der Train-Song ist wahrscheinlich so alt wie die Erfindung des Zuges selbst, und angesichts der Tatsache, dass es sich bei Zügen um die ersten Fortbewegungsmittel handelte, mit dem viele Menschen relativ mühelos rasch über bis dahin kaum vorstellbare Überlanddistanzen gebracht werden konnten, ist die Faszination, die von diesen dampfenden und keuchenden Monstren aus Metall ausging, leicht erklärbar - ebenso wie die Hoffnungen, die an diese Veränderung bringenden Maschinen geknüpft waren. Man erinnere sich nur an Sergio Leones Film "Spiel mir das Lied vom Tod". Ein Mann hat einen Traum und kauft mitten in der Wüste ein Stück Land. Von allen milde belächelt, bereitet er sich auf den Tag vor, an dem die Eisenbahn nach Westen kommt. Er plant eine Station: Züge brauchen Wasser. Und das hat er. Dass sich diese Hoffnungen nicht immer erfüllen - wie in Leones Streifen -, thematisiert der Train-Song ebenso wie den nicht enden wollenden Glauben daran, am Ende der Strecke doch noch sein Glück zu finden.

Als chronische Metapher für Erlösung taucht der Zug im Gospel und im Soul auf. "People get ready, there's a train comming, you don't need no ticket, you just thank the Lord", singt der Chicago-Funkmeister Curtis Mayfield, während der Soul- tragöde James Carr zur Zeit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in Memphis vom Zug in die Freiheit träumt: "I've got to get on the Freedom Train, from this day on I'm gonna be a free man!"

Trotz Männern auf dem Mond und Sonden auf dem Mars, trotz Internet und des nach Geld und Business-Stress riechenden ICE-Schnellzugs hat der Train-Song, der sich durch fast alle musikalischen Genres zieht, seine Faszination nicht verloren. Sogar im House lässt sich mit etwas Fantasie hin und wieder ein Zugrhythmus ausmachen: etwa beim Kölner Mike Inc. Auch wenn dessen Track Hot Love eher nach einem modernen Werbe-Jingle der Deutschen Bahn klingt, enthält er doch in Partikeln noch jenen romantischen Unterton, den auch die Techno-Pioniere Kraftwerk in ihrem Trans Europa Express mitschwingen lassen. Tschuggatschugg, tschuggatschu . . .

Die großen Songs stammen jedoch meist von jenen Interpreten, die den unmittelbar konnotierten Pioniergeist glaubhaft vermitteln können. Wenn Johnny Cash als Hobo am Dach eines Güterwagons den Blick in die Ferne schweifen lässt und zum repetitiven Rattern auf seiner Mundharmonika das Zugsignal imitiert, verschmelzen in der Vorstellung des Hörers Traum und Wirklichkeit. Wenn Lee Hazlewood mit Gitarre und Zigarette im staubigen Nirgendwo auf den Long Black Train wartet, schweifen die Gedanken zu jener Stelle, wo die Stahlschienen, auf denen er sitzt, mit dem Horizont verschmelzen. Dort, an dem Punkt, den kein Zug je erreicht, ist die Endstation jedes Train-Songs. (Karl Fluch/ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 22./23.6.2002)

Siehe auch

Train-Songs:
Viermal zehn Favoriten

ausgesucht von Wolfgang Kos, Karl Fluch, Christian Schachinger und Michael Freund

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