Informatik frisst Deutsch

21. Juni 2002, 19:23
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Skeptische Anmerkungen zur digitalen Aufrüstung der österreichischen Schulen nach dem Motto "Ich bin online, also lerne ich . . ." - Von Heinz Zangerle

Unbeirrt von den tiefen Stürzen von E-Commerce & Co befinden sich die Wanderer der Digitalpädagogik noch immer in einem verbissenen Aufstieg zu vermeintlichen Gipfeln. PC und Internet gelten weiterhin als pädagogisches Fünf-Sterne-Kriterium für Schulqualität, und das digitale Aufrüsten in den Schulen geht munter weiter. Mehr noch - wie eben beschlossen - werden die neuen Medien ab dem Schuljahr 2004 eine Stunde Deutsch aus dem Lehrplan verdrängen. Dies, obwohl laut PISA-Studie vierzehn Prozent der österreichischen Schüler selbst einfachste Texte nicht verstehen können.

Sind wir damit, wie Claus Stoll in Log Out ätzt, "auf dem Weg zu einer Generation gut funktionierender Legastheniker, für die ein Buch nichts anderes ist als Druckerschwärze auf eingetrocknetem Holzbrei"?

Schlichte Botschaft

Tatsächlich gibt es hierzulande kaum Diskussionen zu diesem bildungspolitisch bemerkenswerten Schritt. Auch die Pädagogik überlässt das Feld dem Populismus mancher Politiker, den Werbestrategen der Technologiebranche sowie zahlreichen selbst ernannten Mediengurus. Man redet nicht lang über Sinn und Zweck, man vernetzt. "Ich bin online, also lerne ich", so lautet die schlichte Botschaft, die in zahllosen Medienbildern immer wieder aufs Neue verbreitet wird.

Und der Gipfel der schönen neuen Welt des Lernens: Kinder werden in der halben Zeit und bei einem Drittel weniger Kosten um 30 Prozent mehr lernen! Die Verwandlung lustloser Schüler in neugierige Forscher ist quasi programmiert. Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes, sieht schon die Vision einer "Pflanzschule für aufgescheuchte pädagogische Multimediafreaks" aufziehen. Und weh dem, der sich den Kommandotönen der IT-Konzerne verweigert! Schnell sieht man sich als Innovationsverweigerer, Technikfeind, Ewiggestriger, Modernitätsbremser, Kulturpessimist u. ä. denunziert, wenn man sich erdreistet, den pädagogischen Nutzen der neuen Medien auch nur im geringsten in Zweifel zu ziehen.

Eines der Argumente der Befürworter möglichst frühen Einsatzes von PC und Internet ist der Druck der Eltern auf die Schule. Im grassierenden Internetgieber fürchten sie, ihre Kinder könnten ohne PC-Erfahrung das Rennen um gute Jobs verlieren.

Dabei sind in den meisten Berufen überhaupt keine Computerkenntnisse im engeren Sinn notwendig. Nicht einmal der Pilot eines großen Flugzeuges muss Computerexperte sein, um den Autopiloten zu "programmieren", behauptet kein Geringerer als Joseph Weizenbaum, Pionier der Computertechnik vom Massachusetts Institute of Technology: "Alles, was man außerhalb der Wissenschaft und dem Ingenieursberufen braucht, lernen Kinder ohnedies von selbst von Gleichaltrigen, oder es ist in kürzester Zeit nachzulernen." Zudem wird die Bedienung von PCs in wenigen Jahren um vieles einfacher sein.

Auch die Ergebnisse neuester Studien zum Einsatz von Computern an 800 Schulen in Großbritannien sind nicht dazu angetan, den Protagonisten der Laptop-statt-Schulranzen-Slogans weiterhin bedingungslos das Feld zu überlassen. Es stellte sich nämlich heraus, dass eine gute Schulbuchausstattung zu deutlich besseren Ergebnissen führt als eine gute IT-Ausstattung.

Zu ganz ähnlichen Schlüssen kommt der Gründer der Tele-Akademie der Fachhochschule Furtwangen, Michael Kerres, nach umfangreichen Studien zur Lehr- und Lerneffizienz "multimedialer und telemedialer Lernumgebungen" (Buchtitel): Die Effektivität der neuen gegenüber den alten Medien oder gegenüber konventionellem Unterricht ist nicht höher! Keine besondere Empfehlung also für das hochgejubelte "Neue Lernen" - was im Übrigen auch meine eigenen kinderpsychologischen Erfahrungen bestätigen: Lernprogramme auf CD-Roms oder Disketten sind vielfach nichts anderes als eine Fortsetzung des guten alten Schulbuchs, nur animierter und bunter.

Animierter Fahrstuhl

Das mediale Edutainment scheint ganz offensichtlich von der (irrigen) Vorstellung getrieben, Kinder könnten nur durch grellen Medienspektakel zum Lernen gebracht werden. In der Folge geht der Aufmerksamkeitsfluss des Kindes permanent nach außen, während konventionelles Lernen mit Schreiben, Lesen, Üben Aufmerksamkeit nach innen verlangt und trainiert.

Medienlernen ist weitgehend typisches Kurzziellernen mit meist geringen selbstreflexiven und selbststrukturierenden Anteilen. Beim E-Learning, kritisiert Hendrick Kafsack treffend, macht der Lernende nicht viel mehr, als passiv wie "in einem animierten Fahrstuhl durch das Lerngebäude zu fahren".

Computer und Internet sind nur Werkzeuge. Sie gehören in die Hand des Lehrers. Falsch eingesetzt sind sie gigantische Fresser menschlicher Zeit, Energie und Beziehungen. Die euphorischen Erwartungen von einer "Revolution des Lernens" werden sich nicht erfüllen. Nach einem Rausch hektischer Bemühungen um die Digitalisierung der Schule wird sich schon bald Ernüchterung einstellen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.6.2002)

Der Autor ist Psychologe u. Psychotherapeut in Innsbruck
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