Der bissige Verächter billiger Glaubenslehren

21. Juni 2002, 20:38
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Ein Nietzsche-Symposion: Neue Akzente

Wien - Was ist Moderne, warum ist Friedrich Nietzsche ihr zentraler Denker, und weshalb wirkte er so stark auf die jüdischen Dichter und Philosophen der Wiener Moderne um 1900? Grob gesagt: Die seit der Industrialisierung rasant wechselnden Lebenswelten führten zu einem Verlust von Bindungen in beruflichen und auch religiösen Traditionen. Größere Freiheit war erkauft mit dem Verlust sicherer Identität.

Identitätsverlust und Suche nach neuen, vielfach perspektivierten Ich-Bildern war das Thema der Wiener Moderne um 1900, von Klimt über Mahler bis Hofmannsthal; davor aber war es schon das Lebensthema Nietzsches gewesen. Unter der Federführung Jacob Golombs von der Hebräischen Universität in Jerusalem hatte deshalb die soeben zu Ende gegangene Tagung Nietzsche and the Austrian Mind auf dem Gelände des Alten AKH Sinn.

Jacob Golomb zeigte hier etwa die Faszination des 14-jährigen Martin Buber, der zu einem Cousin in Pinsk (Polen, damals Russland) schon von Nietzsche spricht und wenig später den Zarathustra ins Polnische übersetzen will. Warum? Die Frage führt vom Rand wieder ins Zentrum der Moderne: Der atheistische Nietzsche plädierte für die radikale Immanenz des Glücks, gelöst von religiösen und ideologischen Heilsversprechen; und er hasste den deutschen Nationalismus. Damit aber kam er dem entgegen, was Golomb und andere Gelehrte der Hebräischen Universität das "Grenzjudentum" nennen:

Säkulare Identität

"Marginal Jews" waren viele Intellektuelle - von Schnitzler und Kraus bis zu Zweig und Freud -, die ihrer Religion und Tradition verlustig gegangen waren, aber nicht völlig in der säkularisierten Gesellschaft aufgehen konnten: Weil es, so Schnitzler in Der Weg ins Freie, "für einen Juden, der in der Öffentlichkeit stand, nicht möglich war, davon abzusehen, dass er Jude war" - weil andere nicht davon absahen. Sie waren also ihrer Identität verlustig gegangen, suchten nach neuer.

Hier kam ihnen Nietzsches Denken entgegen. Seine Forderung, sich gegen alle Traditionen "selbst" neu zu schaffen, frei von Nationalismen, als "gute Europäer". Das Übernationale sprach Intellektuelle an den Grenzen des Reiches an: Diane Morgan verlängerte dies in die Gegenwart des zerfallenden Sowjetreiches. Überdies öffne Nietzsches Moderne das "Ich" hin auf fragmentierte Vielfach-identitäten.

Im Zentrum, in Wien, hatte sich schon um 1875 ein Nietzsche-Lektürekreis gebildet, dem Victor Adler und Gustav Mahler angehörten, woraus Avi Hannani vom Israelischen Rundfunk eine Linie zu Mahlers Musik zog.

Am aufregendsten ist es aber, wie Philosophen aus der Jerusalemer Universität den Anti-Antisemiten entdecken: Für Nietzsche war der Antisemitismus - von seiner Schwester Elisabeth Förster bis zu Eugen Dühring - eine vulgäre Massenbewegung, die Menschen ohne Selbstvertrauen befällt, auf Suche nach billigem Halt. (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 22./23.6.2002)

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