Ein grimmiges Jazzmärchen

21. Juni 2002, 20:36
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Max Nagl über die Kinderoper "Felix", die er für die Volksoper komponierte

Wien - "Es klang einfach nach einer neuen Aufgabe. Außerdem dachte ich in letzter Zeit öfter daran, etwas mit Sängern zu machen. Ich finde es interessant, wenn Text dazukommt. Durch Vorgaben in der Rhythmik und im Wortsinn kommen mir so Ideen, die ich sonst nicht haben würde. Text ist ein Stimulus", begründet Max Nagl seinen Entschluss, "Ja" zu sagen: Zum Angebot von Klaudia Kadlec, den Kompositionspart ihres von Volksopern-Direktor Dominique Mentha in Auftrag gegebenen Kinderoperprojekts zu übernehmen.

Nagl selbst, der 2001 beim Jazzfestival Saalfelden die Stimmen Julie Tippetts und Lol Coxhill aufeinander losließ und dem Klangforum (in Wien bisher nicht aufgeführte) Gefälschte Wienerlieder auf den Leib schrieb, schlug das alte Grimm-Märchen Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen, als Stoff vor.

Librettistin und Regisseurin Kadlec, Initiatorin der Opera-Viva-Reihe im Wiener Karajan-Centrum, fügte dem Textbuch mit Felix' furchtsamem Bruder Heinrich eine weitere Figur hinzu, in enger Abstimmung schmiedete man am langsam entstehenden Werk, das nun am 23. Juni uraufgeführt wird. Untertitelt als Jazzmärchen: "Ich wollte mir einfach den Kopf freihalten, indem wir den Begriff Oper vermieden. Dieser Begriff ist zu stark vorbelastet."

Kinder mit Masken

Wie weit das Zielpublikum eine Rolle im Zuge der Arbeit gespielt habe? "Eigentlich habe ich beim Komponieren gar nicht an Kinder gedacht. Darauf zu achten, dass man einfache Melodien im reduzierten Tonumfang schreibt, dass die Musik nicht zu tief, zu laut oder zu schrill ist, das hat mich nicht interessiert. Ich glaube aber dennoch, dass es den Kindern gefallen wird. Die Geschichte, die Regie sind für Kinder: Schauspieler werden ins Publikum kommen, es gibt auch Passagen zum Mitsingen und eine Szene, in der sich die Kinder Masken aufsetzen, um Felix zu schrecken."

So Nagl, für den die Grusel- musik - trotz vielfältiger Arbeiten für Theater und Tanzperformances - in ihrer Abfolge zuallererst mit seinem Projekt Ramasuri zu tun hat. Das anno 1999 - ebenfalls in Saalfelden aus der Taufe gehoben - mitverantwortlich dafür war, dass dem 42-jährigen Oberösterreicher der Hans-Koller-Jazzpreis als "Musiker des Jahres" zuerkannt wurde.

Tenor ist nicht Tenor

In der Umsetzung des eklektischen Konzepts in einem vokalen Kontext agierte Nagl ohne große Gedanken bezüglich Leitmotivik oder Materialreservoirs einfach aus dem Bauch heraus. Wobei manche Komplikation gelöst wurde, als die Besetzung festgelegt war: "Der Stimmumfang ist bei einem Instrument relativ klar, bei einem Sänger ist das nicht so eindeutig. Tenor ist nicht gleich Tenor. Man muss mehr auf die jeweilige Person eingehen, als ich dachte. Da mir daran lag, dass sich die Sänger wohl fühlen, habe ich einige Parts um eine kleine Terz oder Sekund tiefer oder höher gesetzt."

Den Ambitus der Stimmen betrafen während der Proben des 90-minütigen Werks Felix, oder die Geschichte von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen denn auch die gröbsten Nachjustierungen. Ansonsten lag manches Missverständnis naturgemäß in Nagls Doppelrolle als Komponist und Interpret - im Rahmen des aus seinem Stammquintett, Streichquartett, Blechbläsertrio und Perkussion bestehenden Orchesters - begründet.

"Manchmal wäre es einfacher, wenn man nicht mitspielt", erzählt Nagl schmunzelnd. "Weil man dann leichter den Überblick über das Stück behält. Es gab eine witzige Situation, als ich mich einmal verspielte, da ich versuchte, auf die Balance der Stimmen zu hören. Worauf mich der Dirigent fragte: Sollen wir das schneller spielen? Das passierte mehrmals, bis ich ihm sagte, er soll mich nicht als Komponist sehen, sondern einfach als Musiker." (Andreas Felber/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 22./23.6.2002)

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