Leichen, Liebe, Happyend

21. Juni 2002, 20:28
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Bodo Kirchhoffs harmloser "Schundroman"

Frankfurt/Main - Wenn am kommenden Mittwoch Martin Walsers umstrittener Schlüsselroman auf den Literaturbetrieb, Tod eines Kritikers, in den Buchhandlungen liegt, wird Kante an Kante mit ihm ein zweiter Stapel die Kassenflächen der Buchläden zieren: Bodo Kirchhoffs Schundroman, dessen Veröffentlichung gleichfalls vorgezogen wurde, vom geplanten Erscheinungstermin im September just auf den 26. Juni: Das Angebot zum Kauf der Bücher im Doppelpack ist offensichtlich.

Denn seit Wochen schwamm im Kielwasser des Walser-Skandals die Meldung, auch Kirchhoff habe in seinem neuesten Werk Marcel Reich-Ranickis fiktives Alter Ego ermorden lassen - mehr noch: Nur er habe ihn morden lassen, taucht der Totgeglaubte bei Walser zuletzt doch wieder auf: Kurz, Kirchhoffs Roman versprach das Aufleben des Skandals, vielleicht sogar dessen Kulmination.

Am 10. Juni legte Kirchhoff noch nach, um das Feuer, das sein Buch (dessen Manuskript freilich niemand kannte) nicht auslösen konnte, anzufachen: Im Spiegel veröffentlichte er eine lange Stellungnahme vorab. Im vergangenen Herbst, gedemütigt durch die Reaktionen auf seinen Roman Parlando, habe er beschlossen, "das Buch zu schreiben, das sich den Betrieb vorknöpft, statt ihn zu erdulden". Am fiktiven Tod Reich-Ranickis habe ihn "einzig und allein interessiert, was dieser Sturz nach sich zieht".


Autor als Heftchenheld

Kirchhoffs gekonnt den Autor als Schundroman-Helden emotionalisierenden Worte haben nur einen Fehler. Sie sind selbst Fiktion, denn: Beide Sätze treffen auf seinen Roman mitnichten zu. Der nämlich knöpft sich den Literaturbetrieb in etwa so vor, wie ein "Tatort" des Hessischen Rundfunks, der seinen Frankfurter Mordfall just ins Autorenmilieu zur Zeit der Buchmesse legt.

Zwar fällt Reich-Ranickis erkennbares Alter Ego Louis Freytag tatsächlich dem Ellbogen des männlichen Helden, einem romantischen Gauner, zum Opfer. Jedoch nur versehentlich, dessen Augenmerk gilt dem Schutz einer schönen Frau. Weshalb der Mord, eine winzige Nebenhandlung, wie seine Folgen im Roman über einige zitierte Schlagzeilen in den Medien und gelegentliche, überwiegend ehrerbietige Bemerkungen ("Es seien eben nicht mehr die alten Zeiten, hieß es, ja, manche nannten Freytags Todestag schon den elften September der Branche") kaum hinausgelangen.

Die eigentliche, etwas verworrene Handlung des Romans lässt zwei Paare aufeinander treffen, die sich in Aussehen und Charakter verblüffend gleichen: Detektiv wie Gauner präsentieren sich männlich-herb ("Feuerbach war dunkelblond, mit blauen Augen und zwei Falten um einen beim Lachen breiter werdenden Mund" - ein "junger Steve McQueen"), mit einer Schwäche für starke, freilich hocherotische Frauen; Detektivin wie Gaunerin verfügen folglich über knackige Pos, Humor, Intelligenz und ausgeprägten Hunger auf Sex.

Beide Paare verbünden sich auf der Jagd nach den großen Verbrechern: Die wiederum, skrupellose Mörder, verbergen sich hinter der Existenz von Skandal-Autoren. Ihre Tarnnamen - Ollerbeck und Vanilla Campus-Busche - erinnern vage an Houellebecq und Verona Feldbusch. So weit die angeblichen Enthüllungen über den Literaturbetrieb. Der Rest sind Morde, Liebe und ein leichenreiches Happyend am Gardasee.

Vergnügt spielt Bodo Kirchhoff nicht mit den Klischees des Antisemitismus, sondern mit jenen des Kolportage-Genres und seines sexistischen Blicks - wofür er freilich kaum belangt werden wird, am wenigsten von Marcel Reich-Ranicki. Der skandalisierte Hauptvorwurf gegen Martin Walser - jener des Antisemitismus - kann Kirchhoffs Schundroman nicht treffen, weil Louis Freytag mit keiner Silbe als Jude ausgewiesen wird. Jener des Hasses nicht, da kein Motiv der Zufallstat vorausging. Vorzuwerfen ist Kirchhoff allein die Art und Weise, wie er den Walser-Skandal zu persönlichen Werbezwecken für sein schwaches Buch nutzte. Er und der Verleger der Frankfurter Verlagsanstalt, Joachim Unseld, der Sohn des Suhrkamp-Eigentümers. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So., 22./23.6.2002)

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    Bodo Kirchhoff: "Schundroman", Frankfurt 2002

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