Erfurter Amokläufer brauchte etwa zehn Minuten

22. Juni 2002, 12:06
4 Postings

Abschlussbericht zur Rekonstruktion liegt vor

Erfurt - Der Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vom 26. April dauerte zwischen neuneinhalb und zehneinhalb Minuten. Das teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag in ihrem Abschlussbericht mit. "Wir haben die Abläufe sehr genau rekonstruiert", sagte der Innenminister Thüringens, Christian Köckert (CDU). Es gebe keine Lücken mehr. Köckert wird den vorläufigen Abschlussbericht am nächsten Dienstag vorstellen.

17 Tote

Der 19-jährige frühere Schüler Robert Steinhäuser hatte am 26. April am Gutenberg-Gymnasium zwölf Lehrer, zwei Schüler, eine Sekretärin und einen Polizisten erschossen. Danach brachte er sich selbst um. Steinhäuser betrat die Schule nach bisherigen Angaben gegen 10.45 Uhr. Einige Minuten später begann er die Bluttat. Etwa gegen 11.20 Uhr soll der von einigen Medien zunächst als "Held von Erfurt" dargestellte Lehrer Rainer Heise die Polizei darüber informiert haben, dass er den Amokläufer eingeschlossen habe.

Kritik an Einsatzkräften

Der Bericht werde auch Auskunft zu Vorwürfen gegen die Einsatzkräfte geben, kündigte Köckert an. Zuvor war diskutiert worden, ob das Spezialeinsatzkommando (SEK) und Notärzte möglicherweise zu spät ins Gebäude kamen. Das SEK wurde gegen 11.53 Uhr ins Gebäude geschickt. Die Polizei hat nach eigenen Angaben ihre Taktik geändert, als es die Information über einen möglichen Komplizen gab. Ein zweiter Täter wurde mittlerweile ausgeschlossen. Notärzte, die gegen 11.13 Uhr ankamen, konnten nach eigenen Angaben nicht gleich in das Schulgebäude gehen, sondern mussten auf Polizeischutz warten.

Als Folge des Amoklaufs beschloss der deutsche Bundesrat am Freitag eine Verschärfung des Waffenrechts und einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gewaltdarstellungen im Internet und bei Computerspielen.

Erfurter Amokläufer schoss aus Rache

Der Amokläufer hat unmittelbar nach dem Massaker sein konkretes Tatmotiv preisgegeben. Einem Zeugen sagte Steinhäuser, er habe sich für seinen Rauswurf aus dem Gutenberg-Gymnasium gerächt. Das meldet das Nachrichtenmagazin "Focus" unter Berufung auf den vorläufigen Abschlussbericht zum Blutbad vom 26. April, den die Thüringer Landesregierung am Dienstag offiziell vorstellen will.

Laut "Focus" war Steinhäuser am Ende seines Amoklaufs einem Lehrling begegnet, der im Raum 104 gearbeitet hatte. Der Fußbodenleger fragte den Attentäter, ob die Ballerei "ernst" oder "ein übler Scherz" sei. "Absolut ernst", antwortete Steinhäuser, schließlich sei er "von der Schule geflogen". Ein zweiter Lehrling wurde Zeuge des Wortwechsels. Kurz darauf erschoss sich Steinhäuser im Raum 111, in den ihn angeblichn der Lehrer Rainer Heise gestoßen hat.

Das bisher nicht bekannte Ermittlungsdetail belegt "Focus" zufolge zweifelsfrei, dass Steinhäuser gezielt Pädagogen erschoss, denen er seinen Verweis vom Oktober 2001 anlastete. Den Hausmeister etwa hatte er explizit nach der Direktorin Christiane Alt gefragt. (APA/dpa)

Share if you care.