Nur der Durchschnitt gewinnt

21. Juni 2002, 19:31
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Über den Reformbedarf der Gymnasien diskutierten Elternvertreterin Johannik, Direktorin Schrodt und Schülervertreter Steiner

Standard: Ist das heimische Schulwesen so gut, dass man sich ruhig zurücklehnen kann?

Johannik: Die Unterrichtsinhalte sind gut, aber es wird nicht gut rübergebracht. Und wenn Kinder neben der Schule noch Nachhilfe brauchen, dann haben wir ein Problem. Nachhilfe ist eigentlich nicht akzeptabel - noch dazu im derzeitigen Ausmaß. Wir werden uns da als Elternvertretung ganz stark machen.

Standard: Haben die Lehrer ein Vermittlungsproblem?

Steiner: In vielen Bereichen sind die Lehrpläne besser, als sie unterrichtet werden - das muss nicht nur am Lehrer, das kann auch an der Klasse liegen. Die Lehrer sollten ihren Fächeregoismus ablegen und Bildung als Gesamtkonzept sehen. Vor einer Bildungsoffensive müsste aber eine Erziehungsoffensive stattfinden. Aus der Pisa-Studie (OECD- Ländervergleich im Lesen) geht hervor, dass gerade in Österreich das Elternhaus wesentlich die weitere Schulbildung prägt.

Schrodt: Die Stärke der österreichischen Schule ist gleichzeitig ihre Schwäche. Wir sind gut in der Förderung des Durchschnitts - aber nicht darin, gut, schlecht oder einseitig Begabte zu fördern.

Standard: Herrscht Chancengleichheit?

Schrodt: Da sind wir ganz schlecht - jedenfalls nicht viel besser als Deutschland.

Standard: Und die Lehrer?

Schrodt: Lehrer und Lehrerinnen - vor allem an den höheren Schulen - haben eine sehr unzufriedenstellende Ausbildung und zu wenig professionelles Selbstverständnis. Dass man sich als Berufsgruppe vom Unterrichten her positiv besetzt begreift, ist bei uns unterentwickelt.

Standard: Lehrer und Eltern spielen sich häufig gegenseitig den Erziehungsball zu. Wer kümmert sich zu wenig?

Steiner: Die Schule hat sicher einen Erziehungsauftrag. Verhaltensauffälligkeiten behindern den Unterricht. Oft muss erst die Grundlage für gemeinsames Arbeiten in der Klasse geschaffen werden. In Deutschland wird mittlerweile kritisiert, dass sich ein Mathematikstudium nicht von einem Lehramtsstudium Mathematik unterscheidet. Das ist bei uns ähnlich. Vielleicht sollte man zumindest Anreize für die pädagogische Lehrerfortbildung setzen.

Schrodt: Wir müssen aufhören, die Eltern für den Schulerfolg ihrer Kinder verantwortlich zu machen. Der Staat hat einen Bildungsauftrag, der alle erfasst.

Standard: Wie ist dem Nachhilfeunwesen beizukommen?

Johannik: Schulen sollten wie Firmen Pläne erstellen, aus denen hervorgeht, was bis wann erreicht werden muss.

Standard: Eine Misere entsteht aber offensichtlich auch, weil Eltern versuchen, die Kinder in die AHS zu pressen, auch wenn sie dafür nicht geeignet sind.

Schrodt: Dafür habe ich Verständnis, weil die Matura so wichtig ist.

Standard: Soll es eine regelrechte soziale Stunde und außerdem Förderunterricht nach dem Regelunterricht geben?

Johannik: Der Religionsunterricht ist eine tolle Einrichtung, in dem jeder lernen könnte, vor dem anderen Respekt zu haben. Wer sich abmeldet, soll Ethikunterricht bekommen. Das löst aber natürlich nicht alle Probleme.

Schrodt: Religion und Werte- unterricht hat nichts mit Sozial- oder Konfliktlösungsstunden zu tun. Die hielte ich bis zum Ende der Pflichtschulzeit für wichtig. Auch Zusatzunterricht am Nachmittag für die Schwach- und für die Hochbegabten wäre vernünftig.

Standard: Die Oberstufenreform ist nicht sehr umfassend ausgefallen. Gibt es noch Reformbedarf?

Steiner: Ich maturiere gerade - und wurde darin bestätigt, dass es Reformbedarf gibt. Die Vorbereitung auf die Matura müsste schon in der siebten Klasse beginnen, der Abschluss sollte nicht auf wenige Tage konzentriert sein.

Standard: Wäre ein Kurssystem eine gute Alternative?

Steiner: Zu viel sollte nicht abgewählt werden können, sonst leidet die Allgemeinbildung darunter. Die Schwelle in der achten Klasse läge bei mindestens 50 Prozent der Fächer.

Standard: Wie beurteilen die Eltern die Matura?

Johannik: Merkwürdigerweise werden zur Matura die wenigsten Beschwerden an uns herangetragen.

Schrodt: Aber am Eltern-Quotum???????? ist die Unzufriedenheit mit der AHS-Oberstufe bemerkbar - in manchen Bundesländern ist schon die Oberstufenkrise ausgebrochen, weil man die Kinder fast nur mehr in die BHS schickt. Ich bin für ein Kurssystem ab der sechsten Klasse, dafür muss aber der allgemein bildende Teil neu diskutiert werden - auch für die BHS.

Steiner: Man sollte auf jeden Fall selbstständig arbeiten lernen - nicht nur auf Druck.

Standard: Ist die Qualität der Matura schlechter geworden?

Steiner: Sie ist gleich geblieben - aber entspricht sie damit den neuen Anforderungen?

Schrodt: Das auswendig Gelernte wird halt reproduziert - das funktioniert.

Johannik: Im französischen Schulwesen muss man nach Ende der Pflichtschulzeit eine Art kleine Matura machen. Da lernt man schon einmal, größere Stoffmengen zu bewältigen. Das finde ich sehr gut.

Schrodt: Als Qualitätskontrolle des Staates würde ich das befürworten.

Standard: Nachprüfung und Repetieren: Könnte man beides anders organisieren?

Schrodt: In einem Schulwesen, das eine Differenzierung schon bei Zehnjährigen vornimmt, fällt mir keine gute Alternative ein. Das wäre nur möglich in einem System, wo Schüler in Kleingruppen kontinuierlich gefördert und gefordert werden.

Johannik: Ich glaube, dass zwei Drittel der Nachprüfungen eine Chance sind, weil die Schüler das Jahr verbrodelt haben. Aber es gibt auch zahlreiche Lehrer-Fehlstunden, die nicht suppliert werden. Heuer war die Elternvertretung mit besonders vielen Beschwerden konfrontiert. Die Kinder müssen den Unterrichtsstoff am Jahresende trotzdem beherrschen, ohne dass zum Beispiel mal eine Stunde eingeschoben wird.

Steiner: Es sind aber auch oft die Schüler, die nicht da sind.

Schrodt: Schulen sollten eigentlich auch auf ihre Ergebnisse hin überprüft werden - wer schlechte Erfolgsquoten hat, müsste sich rechtfertigen, sollte aber auch Unterstützung angeboten bekommen.

Johannik: In Frankreich werden die Ergebnisse aller Schulen veröffentlicht! Vielleicht gäbe es weniger Nachprüfungen, wenn die Schulen klarer ihre Schwerpunkte festlegen würden.

Standard: Ist das heimische Schulwesen nicht sehr beliebig, weil es vor allem darauf ankommt, welche Pädagogen man zufällig erwischt? Wäre ein institutionalisierter Lehrerwechsel gut?

Schrodt, Steiner, Johannik: Ja!

Steiner: Bei den Noten ist viel Variabilität drin. Man hat vielleicht einen Zweier in Mathe und bei einem neuen Lehrer einen Vierer. Ich wünsche mir mehr Feedback-Kultur. Da muss man aber zuerst die Ablehnung der Lehrer abbauen.

Schrodt: Es sollten Standards definiert werden - und zwar innerhalb der einzelnen Schulen. Also: Wenn ich in Englisch das und das kann, dann krieg ich einen Dreier.

Johannik: Dafür laufen sich Elternvertreter die Fersen wund.

Schrodt: Um Reformen zu ermöglichen, müsste die Zweidrittelmehrheit für Schulgesetze im Parlament fallen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.6.2002)

Das Gespräch moderierte Martina Salomon

Kommentar:

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