Hungerstreik für Aufenthaltsgenehmigung

22. Juni 2002, 18:39
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Illegale Immigranten machen während des Gipfels auf ihre prekäre Lage aufmerksam

Der Weg ins vermeintliche Glück endete in zwei Sporthallen. 500 Immigranten haben sich vor zehn Tagen in den beiden Betongebäuden in der Universität in Sevilla eingeschlossen. "Für eine Aufenthaltsgenehmigung!" und "Beendet das Leiden!" steht auf riesigen Transparenten.

"Wir bleiben hier, bis wir eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten", beteuert einer der Besetzer in gepflegtem Französisch. Der 30-Jährige möchte nur seinen Vornamen preisgeben: "Araba". Er kommt wie die meisten hier aus Algerien. Seit einem Jahr ist der junge Mann in Spanien. Er reiste mit einem Touristenvisum ein. "Keine Arbeit, keine Wohnung, keine Heirat", fasst Araba zusammen, was ihn bewegte seine Heimat zu verlassen.

"Die ersten Monate lief alles ganz gut", berichtet Araba. Er fand Arbeit als Erntehelfer in der Provinz Huelva in Andalusien. Doch dann kam die neue Ausländerpolitik. Die konservative Regierung von José María Aznar begann den Landwirten mit Geldstrafen zu drohen, falls sie illegale Einwanderer unter Vertrag nehmen. Jetzt pflücken direkt in ihren Herkunftsländern angeheuerte Osteuropäer die Erdbeeren und Tomaten in der Region um Huelva. 5000 Nordafrikaner vagabundieren seit Monaten auf der Suche nach einem Job von Plantage zu Plantage. "Damit muss jetzt Schluss sein. Wir wollen Papiere, denn ohne die gibt es keine Arbeit", sagt Araba.

"Eine Monat lang haben wir das vorbereitet", erzählt Saada. Der 45-jährige Familienvater gehört zu denen, die einzeln die Leute ansprachen, ob sie bereit seien, eine Protestaktion im Vorfeld des Abschlussgipfels der spanischen EU-Präsidentschaft in Sevilla mitzutragen. Dass das Thema auf der Tagung der Staats- und Regierungschefs der 15 eine noch bessere Abschottung der Außengrenzen der Union ist, kam da wie gelegen. Saada kommt aus einem Dorf nahe der west-algerischen Stadt Oran. Dort arbeitete der hochaufgewachsene Mann als Traktorfahrer. Doch die Bezahlung von 100 Euro monatlich reichte nicht zum Leben. "Mit meiner Qualifizierung hoffte ich auf Arbeit in der spanischen Landwirtschaft", erzählt er.

Deshalb nutze Saada ein Schengenvisum, das ihm für einen Besuch bei seinem Bruder in Frankreich ausgestellt worden war, um sich in Südspanien niederzulassen. Der Traum platzte wie eine Seifenblase. "In einem Jahr, hab ich wenn es hochkommt sechs Wochen gearbeitet", berichtet er. Aus dem Plan, Geld an seine Frau und die fünf Kinder zu Hause zu überweisen, wurde nichts. 28 Euro verdient ein Erntehelfer am Tag, wenn er Arbeit findet. "Wir lebten alle in selbstgebauten Hütten aus Holz und Plastikplanen, wie die Tiere", schüttelt Saada den Kopf.

Zu verlieren hat hier keiner etwas. Doch zu gewinnen auch nicht. "Wer in einem fremden Land keine Arbeit findet, muss nach Hause zurück", erklärte Innenminister Mariano Rajoy. Und der Chef der Regionalregierung, der Sozialist Manuel Chaves, will das Ausländergesetz angewandt sehen - das hieße für die Eingeschlossenen Abschiebung. Über 20.000 Ausländer ereilte alleine in den ersten fünf Monaten des Jahres dieses Schicksal.

Um Druck zu machen, verweigern die Eingeschlossenen während des EU-Gipfels die Nahrungsaufnahme. Wenn das nichts hilft, wollen sie unbegrenzt in den Hungerstreik treten. Die meisten glauben, dass sich trotz der harten Worte aus Madrid damit ein Erfolg erzwingen lässt. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23. 6. 2002)

Reiner Wandler aus Sevilla
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