Aufruf gegen Populismus

21. Juni 2002, 19:50
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Prominente aus ganz Mitteleuropa warnen vor Nationalismus

Gegen das Aufreißen von alten Wunden aus der Vergangenheit, gegen nationalistische Rhetorik und anbiedernden Populismus richtet sich ein Aufruf von bekannten Persönlichkeiten aus ganz Mitteleuropa, der am Freitag in Prag vorgestellt wurde. Zu dessen Hauptinitiatoren gehören der Präsident des tschechischen Senats, Petr Pithart, und der ehemalige ungarische Staatspräsident Arpad Göncz.

Unter den Unterzeichnern finden sich Politiker und Intellektuelle aus Deutschland (der Schriftsteller Günther Grass, Parlamentspräsident Wolfgang Thierse), Polen (Exaußenminister Wladyslaw Bartoszewski, der Publizist Adam Michnik), der Slowakei (Parlamentsvizepräsident Bela Bugar), Tschechien (u.a. Karl Schwarzenberg und der Prager Weihbischof Václav Maly) und Ungarn (Schriftsteller György Konrad). In Österreich unterzeichneten Nationalratspräsident Heinz Fischer, Erhard Busek und Kardinal Franz König.

Aus der Mitte des Kontinents würden nun wieder Stimmen erklingen, die eine Wiederbelebung von traumatischen Ereignissen aus der Zeit der beiden Weltkriege bewirken wollten, heißt es in dem Aufruf. Es bestehe somit die Gefahr, dass düstere nationale Mythen und Manipulationen ebenso wie alte Rivalitäten viel versprechende Bündnisse, die auf ein vereintes Europa ausgerichtet sind, unterwühlen könnten.

Anlass für den Aufruf waren laut Pithart die Ereignisse zwischen den beiden Runden der Parlamentswahlen in Ungarn, als einige Politiker, wie er sagte, massiv versuchten, mit nationalistischen Tönen auf Stimmenfang zu gehen. Der Aufruf solle nicht als ein Versuch gesehen werden, einen dicken Schlussstrich hinter die Vergangenheit zu ziehen, es gehe vielmehr darum, den Geist der deutsch-tschechischen Erklärung aus dem Jahr 1997 auf ganz Mitteleuropa zu übertragen: "Wir würden uns wünschen, wenn ähnlich wie bei dieser Erklärung, festgehalten werden könnte, dass die gemeinsame Zukunft in einer erweiterten Europäischen Union nicht mit Fragen aus der Vergangenheit belastet wird."

Zu den Unterzeichnern gehört auch der Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit, der eine ähnliche Initiative im Europaparlament starten will. Gegenseitiges Aufrechnen von altem Unrecht bringe nichts, so Pithart abschließend, denn "in der Geschichte der mitteleuropäischen Völker ist es eben so, dass unter jedem alten Unrecht noch ein viel älteres verborgen liegt".

"Leider leben wir in einer Zeit, in der Politiker von einer Wahl zur anderen gehen und alles andere bei Seite lassen", sagte Pithart wörtlich. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.6.2002)

Von Robert Schuster aus Prag
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