Vom Genpionier zum Technikkritiker

24. Juni 2002, 12:34
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Biochemiker Erwin Chargaff ist tot

Es war ein Leben wie die Doppelhelix der DNA, das da am Donnerstag 96jährig zu Ende ging. Eine Erscheinung, die wie die Geninformation unter Spannung stand. Ein Mensch, der die Verbindung von menschlicher Erkenntnis und ihrem Gegenteil, menschenverachtender Borniertheit, glasklar sah: Erwin Chargaff, Entdecker der Basenkomplementarität in der Desoxyribonukleinsäure (DNA).

Kein Nobelpreis

Dass seine Entdeckung in der 50er-Jahren zum Nobelpreis führte - aber für andere, nämlich Francis Crick und James Watson -, hat er nie ganz verwunden. Noch weniger, dass die beiden seine Hilfe nicht einmal erwähnten. "Das ist die Marktwirtschaft", ätzte der Wortgewaltige, längst als kulturkritischer Essayist Etablierte.

Es war aber kein Leben eines Verbitterten, das da in New York zu Ende ging. Wegen mangelnder Anerkennung mutierte er nicht zum blinden Kritiker. Chargaff blieb der Forschung bis in die Mitte der 70er-Jahre erhalten, nur die Doppelhelix als "pseudoreligiöse Ikone" zu verehren, lehnte er ab. Bis zuletzt hielt er noch die eine oder andere Lehrveranstaltung an "seiner" Columbia University in New York ab.

Der Biochemiker, der 1905 in Czernowitz in Österreich-Ungarn das Licht der Welt erblickt hatte, emigrierte 1935. Die Stationen in der Folge: Institut Pasteur in Paris, Yale University in Connecticut. An der Uni Wien hatte er seine künftige Frau Vera Broido kennen gelernt und so in 66 Jahren Ehe den Wiener Akzent nie abgelegt.

Auch wenn er fort ging, auch wenn seine Familie objektiv in Lebensgefahr war, sah er sich nicht als Flüchtling - wohl in Anerkennung der vielen, die dem Nationalsozialismus mit viel weniger entkamen als er.

Wenn er Wien nach dem Krieg immer wieder besuchte, so doch nie, um zu bleiben. Zu fremd schien ihm ein Volk mit dieser Vergangenheit. Wie konnte Adolf Hitler Charisma vermitteln, fragte der Emigrant gelegentlich, obwohl dieser sich anhörte "wie ein geistesgestörter Provinzfriseur, der ein paar Abendkurse besucht hatte".

Gefahr der Gentechnik

Angespannt war sein Verhältnis zur Gentechnik, der er selbst die Tür mindestens so weit geöffnet hatte wie Crick und Watson. Nicht Forschung und wissenschaftlich-technischer Fortschritt an sich waren das Ziel seiner Kritik, sondern dass diese kritiklos mit gesellschaftlichem Fortschritt gleich gesetzt wurden. Und dass die Gefahren, die Chargaff mit jenen der Atomspaltung verglich, nicht gesehen würden.

Die innere Spannung dieses großen Vordenkers illustrierte er selbst, der so viel für die Aufklärung auch von sozio-ökonomischen Aspekten der Genetik beigetragen hat, am besten selbst, als er in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung sagte: "Der Mensch war vielleicht glücklicher, als er von Geheimnissen umgeben war, als Geburt und Tod, Leben und Nachleben, als all das Geheimnisse waren, sie waren Nebel, sie waren Wolken. Heute liest man das alles in der Zeitung."

Lehrer: Karl Kraus

Der Essayist, der Karl Kraus nicht selten als seinen "einzigen Lehrer" bezeichnet hat, stellte "Ernste Fragen" - so der Titel eines Sammelbandes - mit herbem Wortwitz. Passend zur Klondebatte empfahl Chargaff in einem seiner letzten E-mails gegenüber dem STANDARD - für Telefoninterviews oder Wien-Reisen fühlte er sich schon "viel zu alt und gebrechlich" - den Band "Aussicht vom 13. Stock".

Nicht dass Menschenklone darin angesprochen würden, aber Bioethik. Und ewig windet sich die Doppelhelix durch Chargaffs Denken: Denn er, der der modernen Turboforschung mangelnde Ethik vorwirft, attackiert just die Bioethik scharf. Als das Gegenteil ihres Anspruchs, "als Ausweg, all das zuzulassen, was ethisch nicht erlaubt ist". (Roland Schönbauer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23. 6. 2002)

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