"Nach Wien zu kommen ist wie Heimkehr"

21. Juni 2002, 15:16
posten

Marianne Faithfull kommt am 28.6. nach Wien - Zusammenarbeit mit PJ Harvey beim nächsten Album geplant

Wien - Am Freitag, den 28. Juni gibt die britische Sängerin Marianne Faithfull (54) im Rahmen des Jazz Fest Wien im MuseumsQuartier (Halle E) ein Konzert. Mit der APA sprach sie vorab über ihr neues Album "Kissin Time", ihren Wien-Gig, ihre Pläne und ihre alt-österreichischen Wurzeln.

Auf Ihrem neuen Album "Kissin Time" arbeiten Sie mit heutigen Musik-Größen wie Blur, Pulp, Beck oder Billy Corgan. Wird irgendeiner der Herren Sie nach Wien begleiten?

Eigene neue, fantastische Band

Marianne Faithfull: Nein, ich habe meine eigene, neue Band. Sie kommen aus Glasgow und sind alle fantastisch. Die Leute, mit denen ich auf dem Album zusammengearbeitet habe, haben alle genug mit ihrer eigenen Arbeit zu tun. Ich möchte sie auch nicht benutzen. Nur bei ganz seltenen Gelegenheiten absolvieren etwa Jarvis Cocker und Pulp Gastauftritte bei meinen Konzerten.

Ich nehme an, wir werden in Wien viel vom Material des neuen Albums zu hören bekommen?

Faithfull: Ziemlich viel. Aber ich habe ja noch eine Menge andere Alben aufgenommen - und die einzige Möglichkeit, die Menschen daran zu erinnern, ist, Songs daraus live zu spielen. Also mische ich das Programm immer wieder etwas. Ich werde auch manchen alten Hit spielen, "The Ballad of Lucy Jordan" etwa, einiges aus "Broken English". "As Tears Go By" werde ich dagegen sicher nicht spielen.

Publikum hat sich gewandelt

Hat sich Ihr Publikum in den vergangenen Jahren ziemlich gewandelt?

Faithfull: Sehr. Es gibt sehr viele junge Leute, die in meine Konzerte kommen. Natürlich bin ich nicht nach jedermanns Geschmack, aber ich hoffe, dass ich gerade mit meinem neuen Album gezeigt habe, wofür ich persönlich stehe.

Gibt es Zeiten oder Platten aus Ihrer langen musikalischen Karriere, an die Sie sich lieber nicht erinnern?

Faithfull: Nein, ich liebe alle meine Aufnahmen. Wenn ich irgendwann einmal sterben werde - was hoffentlich noch möglichst lange nicht der Fall ist -, hoffe ich wirklich viel zu hinterlassen. Es gibt wenig, was ich nicht mehr spiele. Das Kurt Weill-Material, das ich bei meinem Konzert in Salzburg gespielt habe, gehört dazu. Es war wunderbar, etwas, was ich immer schon tun wollte. Ich habe dabei sehr viel über Songwriting gelernt und bin auch sehr stolz darauf - aber man darf das nicht mit dem verwechseln, was ich normalerweise mache. Man darf das nicht miteinander vermischen. Und schließlich ist das schon sehr dem 20. Jahrhundert verhaftet. Jetzt haben wir ein neues Jahrhundert.

Ich liebe MusikerInnen

Sie haben die Stars der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts erlebt, waren selbst einer, und haben nun mit den neuen Stars des 21. Jahrhunderts gearbeitet. Gibt es da Unterschiede? Ist heute weniger Glamour in der Musikszene als damals?

Faithfull: Es ist eine tolle Sache, mit denen gearbeitet zu haben. Natürlich gibt es Unterschiede, aber sie haben auch viel gemeinsam. Vergessen Sie nicht: EinE MusikerIn ist einE MusikerIn ist einE MusikerIn. Ich liebe MusikerInnen. Es war immer faszinierend, mit ihnen zu arbeiten. Ich glaube nicht, dass Leute wie Billy Corgan und Jarvis Cocker heute weniger Glamour haben als die Stars damals.

Denke nicht in Mann-Frau-Kategorie

In "Song For Nico" singen Sie "yesterday's gone, there's just today, no tomorrow". Gilt das auch für Sie?

Faithfull: Der Song hat mit mir nicht viel zu tun. Ich finde, dass Nico sehr unterschätzt wird. Natürlich habe ich auch harte Zeiten durchgemacht, aber ich habe mir gedacht: Wenn ihr ein wirklich tragisches Leben sehen wollt, o.k., schaut euch das an. Im Vergleich dazu hatte ich ein wirklich wundervolles Leben, auch wenn ich nachvollziehen kann, was sie durchgemacht hat.

Wird Ihr nächstes Album die eingeschlagene Linie weiter verfolgen? Haken Sie nun die nächsten MusikerInnen auf Ihrer Liste ab?

Faithfull: Wir haben schon zu arbeiten begonnen. Manche neue Namen wie PJ Harvey kommen dazu, mit anderen vertiefe ich die Zusammenarbeit. Aber es ist ja kein Rennen, auch keine kommerzielle Strategie. Ich habe einfach die angerufen, die mir etwas bedeuten, mit denen ich wirklich arbeiten möchte. Dabei denke ich auch überhaupt nicht in Mann-Frau-Kategorien.

Weitere Filmpläne?

Sie haben in Patrice Chereaus Film "Intimacy" mitgewirkt und dabei einen tiefen Eindruck hinterlassen. Gibt es neue Filmpläne?

Faithfull (lacht): Dazu hab' ich leider keine Zeit. Ich bin ja keine Schauspielerin und habe nicht einmal einen Agenten. Aber auch wenn ich es liebe, Rollen zu spielen, weiß ich doch eines: Ich bin eine Musikerin. Musik ist mein Leben.

Österreichische Wurzeln

Sie sollen österreichische Wurzeln haben, stimmt das?

Faithfull: Ja, sicher. Meine Mutter ist österreichisch-ungarisch. Sie wurde in Budapest geboren und hat später auch in Wien gelebt.

Ist es für Sie etwas besonderes, nun für ein Konzert nach Wien zu kommen?

Faithfull: Natürlich. Es ist wie eine Heimkehr. Obwohl ich ja eigentlich nirgends fest verankert bin, sondern auf der ganzen Welt zu Hause bin. Ich freue mich auf Wien und hoffe, die Leute werden mein Konzert mögen. (APA)

Konzert von Marianne Faithfull im Rahmen des Jazz Fest Wien, 28.6., 19.30 Uhr, MuseumsQuartier Halle E, Karten: 01- 24 9 24, 01- 319 06 06

Links

Jazzfest Wien

Marianne Faithfull
Share if you care.