"Keine journalistischen Alternativen" aufgrund "Formil"

21. Juni 2002, 13:23
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Worm beklagt bei Symposium "Korsett bestehender Zwänge" für Journalismus -

Ethische Maßstäbe im Journalismus durchzusetzen ist nicht immer einfach und erfordert mitunter Zivilcourage seitens der handelnden Personen. Dies betonten "News"-Herausgeber Alfred Worm und der Schweizer Medienwissenschafter Roger Blum am Freitag in einem Symposium zum Thema "Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und die Frage nach der Ethik". Die Sicherung journalistischer Qualität sei eng verknüpft mit der Einhaltung ethischer Normen, so Blum. Worm zeichnete allerdings ein düsteres Bild der heimischen Medienlandschaft: "Die Lage des österreichischen Journalismus in einem Korsett bestehender Zwänge ist dramatisch", klagte er.

Ethikkataloge - "total an der Realität vorbei"

Ethikkataloge, wie sie Blum anhand des Schweizer Ehrenkodex der Presse skizzierte, gingen oft "total an der Realität vorbei", so Worm. "Wir haben das schärfste Medienrecht der Welt. Dass wir ungehemmt loslegen könnten, ist falsch." Als jüngstes Beispiel nannte er das "Klestil-Buch", das zwar ein Bestseller geworden sei, aber zugleich die "höchsten Medienstrafen der Geschichte" ausgefasst habe.

"Manipulierte" Berichterstattung udn "soziopornografische" Tendenzen"

"Ich wittere eine schwere Gefahr für die Pressefreiheit, die Medienvielfalt und für den Journalismus an sich", meinte Worm. Sorge bereitet ihm die "manipulierte" Berichterstattung von Nachrichtensendern wie CNN (im Golfkrieg in den 90er Jahren) oder Al-Jazeera, "soziopornografische" Tendenzen wie "Taxi Orange" und die Kommerzialisierung der Medienlandschaft: "Es zählen nur mehr Mediadaten." Scharf kritisierte Worm auch neue Gesetze, etwa das Sicherheitspolizeigesetz, den "Journalistenparagrafen" in der neuen Strafprozessordnung oder das Militärbefugnisgesetz.

"Keine journalistischen Alternativen" aufgrund Formil

Die Magazinfusion im Vorjahr bringt ebenfalls Nachteile. Es gebe keine "journalistischen Alternativen" mehr, so Worm. Er habe vor zehn Jahren das "profil" verlassen, da seiner Ansicht nach die damaligen Eigentümer zu massiv in das Blatt eingegriffen hätten. "Aber wo gehen Sie heute hin?" Die Magazinehe habe "zweifellos" die Medienkonzentration verstärkt, "dies leugnen zu wollen, hieße, Scheuklappen zum journalistischen Prinzip zu erheben". Zugleich zeigte sich Worm aber überzeugt, dass "profil" ohne Zusammenschluss mit der News-Gruppe heute nicht mehr existieren würde.

Normverstöße aufgrund Kommerzialisierung

Die Kommerzialisierung des Medienmarktes ist auch für Blum ein Faktor, der immer wieder zu "kleinen und großen Normverstößen" in Sachen Ethik führt. "Die Aufregung ersetzt die Aufklärung", sagte er. Darüber hinaus verlangen ethische Normen nach einem Selbstkontrollsystem - "und das ist das Problem: Selbstkontrolle ist in der Regel weicher und schwächer als Fremdkontrolle". Dass am Österreichischen Presserat "herumgedoktert wird, dass einem angst und bang wird", beklagte auch Worm.

"Selbstreinigungskräfte"

Blum verwies aber auch auf "Selbstreinigungskräfte" im Journalismus, mit dem grobe ethische Verstöße geahndet würden. Die Kampagne der Schweizer Boulevard-Blätter "Blick" und "Blick am Sonntag" gegen den Diplomaten Thomas Borer habe zwar zu dessen Rückzug aus dem Staatsdienst geführt, sei aber von den Lesern nicht goutiert worden und habe sich in sinkenden Leserzahlen niedergeschlagen. Eine Ansicht, die Worm aber nicht teilte: "Der Fall Borer war kein Fall 'Blick', sondern ein Fall Borer. Und 'Blick' hatte keine Einbrüche." (APA)

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