Die Diva des Festivals

21. Juni 2002, 19:52
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Der große Tim Fischer entführt im Dreivierteltakt in ein buntes böses Märchenland

Keine Frage: er ist der Superstar der deutschen Cabaret- und Chanson-Szene. Verblüffend daher, dass Tim Fischer heuer zum ersten Mal zu Gast bei "Wien ist Andersrum" sein wird.

Wie es euch gefällt

An dieser Stelle huldigten wir im Vorjahr seinem "weiblichen Pendant" Cora Frost, mit der er einst zusammenarbeitete und mit der er einige wichtige Gemeinsamkeiten teilt: erstens das Repertoire (kurz gefasst nicht weniger als das gesamte europäische und amerikanische Liedgut) - und zweitens dessen spektakuläre Interpretation. Mal boshaft, mal sanft, mal lustvoll, mal verhatscht und fast immer kokett. Dazu kommt das gekonnte Spiel mit Sprachen, Akzenten und Dialekten (vom breiten Bubblegum-"Denglish" bis zum tiefsten Bayrisch) - jedes Lied wird zur Spielwiese einer großen Stimme.

Einen wichtigen Unterschied zu Cora Frost gibt es aber doch: sie ist in ihrer Interpretation erbarmungsloser, mutet ihrem Publikum mitunter gewollt Grausames zu. Tim Fischer hingegen - seinerseits ebenfalls weit von Easy Listening entfernt - ja, der möchte letztendlich doch vor allem gefallen. Kratzt somit immer die Kurve, bevor es anstrengend werden könnte. Ein Augenaufschlag, ein Rascheln mit dem halbtransparenten Fummelchen, das er bevorzugt trägt - und schon ist die Stimmung wieder gelöst. Glamour.

Süß und böse

Aber Achtung: hinter dem Wohlgefallen lauert die Finsternis auf ihre Chance. Selbst wenn Tim Fischer für sein aktuelles und praktischerweise sehr Wien-kompatibles Programm "Walzer-Delirium" durchgängig den Dreiviertel-Takt halten wird ... da gibt es genug giftig Schillerndes zu bestaunen. Ob Ludwig Hirschs "Komm großer schwarzer Vogel", Georg Kreislers "Furz" oder Steve Harleys Wehklage "Tumbling down" (letzteres mit famoserweise originalgetreu gequetschter Intonation) - Tim Fischer gefällt sich darin, das Publikum als liebenswürdig teuflische Fee in ein buntes böses Märchenland zu entführen. Genial: das Titelthema zu "Rosemary's Baby" mit kindlichem "Lalala" zu bringen. Brrrrrr.

Und für Evergreen-Süchtige noch ein wenig Lockgift aus dem Programm: "Moon River", "We are the Champions" (huch!), "Merci Chérie", "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" ... weit, weit ist dieses Land.
(Josefson)

Tim Fischer im Walzerdelirium:

22. Juni im Casanova Revue Theater, ab 20 Uhr.

Tim Fischers Webseite
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