Zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte

21. Juni 2002, 10:56
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Geschichten einer Ausstellung als Buch erschienen

Wien - Der Neubau des Jüdischen Museums Berlin von Daniel Libeskind hat Schlagzeilen gemacht. Zurecht. Niemand wird diesen Bau unbeeindruckt verlassen. Mit dem Buch "Zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte" (DuMont) liegt nun der aufwändig gestaltete, sehr informative Begleitband zur Dauerausstellung vor.

In seinem Vorwort schreibt der Direktor des Museums, W. Michael Blumenthal: "Das Museum ist das Ergebnis der Bemühungen nachfolgender Generationen in Deutschland, die Vergangenheit zu ergründen, in dem Wissen, dass ohne Erinnerung Zukunft nicht möglich ist." Das Ausstellungskonzept folgt einem narrativen Ansatz und schildert sowohl die Gesamtgeschichte der Juden in Deutschland als auch das Leben hervorragender Einzelpersonen.

Dekret im Jahre 321

Die erste bekannte urkundliche Erwähnung einer jüdischen Gemeinde in Deutschland stammt aus dem Jahr 321. Es handelt sich um ein Dekret des römischen Kaisers Konstantin an den Stadtrat von Köln. Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem nach der Niederschlagung der Revolte gegen die Römer unter Bar Kochba (132-135) begann für die Juden die Zeit der Diaspora, der Vertreibung aus dem heiligen Land und des Lebens in der Fremde. Im Gefolge römischer Legionen kamen manche von ihnen über das Mittelmeer in die germanischen Provinzen des römischen Reiches.

Während aus der Zeit des frühen Mittelalters über jüdische Niederlassungen in Deutschland praktisch nichts bekannt ist, gibt es Zeugnisse für blühende jüdische Gemeinden im 10. Jahrhundert an mehreren Orten. Die Juden nehmen damals einen festen Platz in Leben und Gesellschaft ein. Das ändert sich freilich mit dem Zerfall Deutschlands in eine Vielzahl von kleinen Herrschaftsgebieten, wodurch die Juden von der Haltung des jeweiligen Landesfürsten abhängig werden (Schutzbriefe).

Aufenthaltsrecht im 15. Jahrhundert vielfach entzogen

Die Lage spitzt sich im 15. Jahrhundert zu, als viele Städte den Juden das Aufenthaltsrecht entziehen. 1519 gibt es dann nur mehr vier große jüdische städtische Gemeinden im Heiligen Römischen Reich: Prag, Frankfurt, Worms und Friedberg. Viele Juden werden vertrieben oder flüchten in den Osten, nach Norditalien oder aufs Land. Damals entsteht eine Trennung in oft bettelarme "Landjuden" und manchmal sehr einflussreiche und wohlhabende "Hofjuden". Die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer (1698-1738), genannt Jud Süß, ist das bekannteste Beispiel.

Neun Jahre vor der Hinrichtung Oppenheimers vor 12.000 Schaulustigen in Stuttgart wird in Dessau Moses Mendelssohn (1729-1786) geboren. Er sollte zum Vater der "jüdischen Aufklärung" werden, dessen Werk maßgeblich für das Streben nach Emanzipation und die Entstehung eines jüdischen Bürgertums wurde. "Deutscher und Jude zugleich" lautet nun die Parole im Kampf um die rechtliche Gleichstellung. Obwohl die Versammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848 in ihrem Verfassungsentwurf die Diskriminierung wegen Religionszugehörigkeit verbot, dauert es schließlich bis 1869, bis der Reichstag des Norddeutschen Bundes die formelle Gleichstellung der Juden beschließt.

Organisierter Antisemitismus

Es folgt eine ungeheure Blütezeit in allen gesellschaftlichen Bereichen. Doch zugleich beginnt der Antisemitismus sich politisch zu artikulieren und zu organisieren. Allein die Sozialdemokratie stellt sich diesen Tendenzen entgegen. Vergeblich. In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wird von Deutschland aus die Vernichtung des jüdischen Volks in ganz Europa betrieben. Unter den durch die Nationalsozialisten Ermordeten sind auch rund 200.000 deutsche Juden.

Heute zählt die jüdische Gemeinde in Deutschland wieder rund 100.000 Menschen. Die letzten Jahre haben dem jüdischen Leben vor allem dank der Zuwanderung aus dem Osten großen Aufschwung gebracht. Wie schwankend der Boden trotz allem offenbar immer noch ist (und vielleicht für immer bleiben wird), zeigten zuletzt erst die erbitterten Debatten in der rund um Walser und Möllemann. "Ohne Erinnerung ist keine Zukunft möglich", schreibt der Direktor des Jüdischen Museums Berlin. Er hat recht. Sein Haus und dieses Buch leisten einen bedeutenden Beitrag genau dazu. (APA)

Jüdisches Museum Berlin (Hg.), Zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte: Geschichten einer Ausstellung, DuMont Verlag, Köln 2002, 224 Seiten mit 300 farbigen Abbildungen, 24,90 Euro

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