WHO erklärt Europa poliofrei

21. Juni 2002, 13:27
posten

Einst erkrankten schätzungsweise rund 30.000 Kinder pro Jahr in Europa

Kopenhagen - Nach einer jahrzehntelangen Impfkampagne ist die Kinderlähmung in Europa ausgerottet. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat am Freitag Europa zur dritten von poliofreien Region erklärt. Die Entscheidung wurde damit begründet, dass seit drei Jahren in keinem der 51 europäischen Staaten Fälle von Kinderlähmung aufgetreten seien.

In Nord- und Südamerika sowie in Australien gilt Polio schon länger als ausgerottet. Dennoch warnten Experten davor, mit dem Impfen aufzuhören, da die Krankheit noch in anderen Weltregionen verbreitet ist.

Die WHO und das UN-Kinderhilfswerk UNICEF riefen in Kopenhagen zu vermehrten finanziellen Anstrengungen reicher Länder auf, damit das ansteckende Virus für Kinderlähmung auch in Afrika und Asien endgültig besiegt werden kann. Als betroffen gelten noch Pakistan, Indien, Afghanistan, Nigeria und Somalia. Weltweit hatte die WHO zuletzt die Pocken als Krankheit für ausgerottet erklärt.

Weltweite Ausrottung von Polio bis 2005 als Ziel

"Wir dürfen nicht mit dem Impfen aufhören, denn es gibt noch Länder, aus denen das Polio-Virus nach Europa wieder eingeschleppt werden kann", sagte UNICEF- Mitarbeiterin Helga Kuhn am Freitag in Köln.

"Erst wenn wir eine weltweite Ausrottung haben, wovon wir gar nicht mehr so weit entfernt sind, dann können wir auch die Impfungen einstellen." Für eine lebenslange Grund-Immunisierung beginne die Impfung in den Regel bei dem drei Monate alten Säugling und ende mit einer Auffrischung nach dem elften Lebensjahr. UNICEF habe allein in den vergangenen drei Jahren 177 Millionen Kinder in Osteuropa und Zentralasien mit dem Impfstoff versorgt.

"Um Polio bis 2005 weltweit zu besiegen, müssten noch in diesem Jahr 575 Millionen Kinder in 94 Ländern geimpft werden." Eine weltweite Ausrottung von Polio bis 2005 haben sich UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation WHO zum Ziel gesetzt.

Hintergrund

Die Kinderlähmung ist eine hoch ansteckende Virusinfektion. Das Polio-Virus zerstört Nervenzellen, was zu bleibenden Lähmungen führen kann. So war auch der frühere US-Präsident Franklin Roosevelt auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Krankheit kann in seltenen Fällen sogar tödlich enden, wenn das Virus die Atemmuskulatur lähmt. Infizierte scheiden die Erreger mit dem Stuhl aus, so dass sie über Hände oder Nahrung auf andere Menschen übertragen werden können.

Ein Impfstoff, den der US-Mediziner Jonas Salk entwickelt hatte, wurde erstmals 1955 breit eingesetzt. Davor erkrankten in Europa nach Schätzung des Kinderhilfswerkes UNICEF jährlich rund 30.000 Kinder an Polio. In Deutschland wurden nach Auskunft des Robert Koch-Instituts beispielsweise 1938 noch knapp 5.400 neue Fälle registriert.

In Europa war der letzte Fall von Polio im November 1998 in der Türkei aufgetreten. (APA/dpa)

Share if you care.