"Hightech-Pharmazie"

21. Juni 2002, 10:08
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Klagenfurter Tagung zur Zukunft der Medizin in der Biotechnologie

Klagenfurt - Die Zukunft der Medizin - und erst recht der Medikamente - liegt in der Biotechnologie und in der Auswertung der Erkenntnisse aus der Genomforschung. Tausende Menschen haben bereits an klinischen Studien zur Behandlung von Krankheiten per Gentherapie teilgenommen. Mehr als 50 verschiedene Wirkstoffe aus der Biotechnologie sind Bestandteil der täglichen Praxis in der Behandlung von Krankheiten. Alle diese Aspekte stehen im Mittelpunkt der an diesem Wochenende (21. bis 23. Juni) stattfindenden Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer zum Thema "Hightech-Pharmazie".

Bei dem Symposium sollen Pharmazeuten inklusive einem Tagungsband als kompetentes Kompendium über die Zukunft der "Arzneimittelwelt" vorbereitet werden, die mit Macht in die Apotheken drängt. Univ.-Prof. Dr. Andreas Kungl vom Institut für Pharmazeutische Chemie und Technologie in Graz: "Die nun zu über 90 Prozent entschlüsselte Sequenz des menschlichen Genoms hat zu einer großen Erwartungshaltung bezüglich der Erkennung und der Bekämpfung von Krankheiten geführt. (...) Zum Einen kann nun eine rapide ansteigende Anzahl an Krankheitsgenen identifiziert und chromosomal lokalisiert werden, was zu ungeahnten Möglichkeiten der Gentherapie führt. Zum anderen wird es nun möglich sein, die bislang relativ geringe Anzahl von ca. 480 bekannten 'Drug Targets' auf einige Tausend durch die Methoden der 'Functional Genomics' zu erweitern."

Natur wird zum Produktionsfaktor

Ob nun in gentechnisch veränderten Bakterienzellen, in künstlich mit besonderen Fähigkeit ausgestatteten Säugetier-Zellkulturen oder gar in geklonten Tieren mit artifiziell veränderten Erbanlagen - die ins Labor geholte Natur wird zum Produktionsfaktor. Dr. Bodo Lachmann vom Institut für Pharmazeutische Chemie in Wien: "Durch die Weiterentwicklung der galenischen Formulierung zur Reduktion der Stabilitätsprobleme werden inzwischen mehrere Dutzend solcher (rekombinanter, Anm.) Produkte kommerziell vertrieben. So sind europaweit mehr als 80 Produkte mit über 52 verschiedenen Inhaltsstoffen zugelassen."

In Zukunft werden die Mittel der Pharmagenomics - also die völlige Individualisierung einer medikamentösen Therapie auf der Basis der Geninformationen des Patienten - ganz neue Möglichkeiten zur Auswahl von Medikamenten bieten. Univ.-Prof. Dr. Clemens Tempfer (AKH Wien, derzeit an der Universitätsklinik in Freiburg), der Gen-Chips für diese Anwendungen bei der Hormonersatztherapie entwickelt hat: "Es ist heute möglich, Risikokonstellationen für die Entwicklung eines Myokardinfarktes oder einer Thrombose auf hohem Niveau zu individualisieren." Das lässt auch eine individuelle Beratung über Nutzen und Risiko zu.

Höhepunkte und Tiefschläge

Wie gut Medikamente auch per Gentechnik werden können, am elegantesten wäre es natürlich, man könnte Krankheiten durch direkten Eingriff in die Gene heilen. Dr. Manfred Ogris von der Abteilung für Pharmazeutische Biologie an der Fakultät für Chemie und Pharmazie in München: "Innerhalb der letzten zehn Jahre wurden über 4.000 Patienten in 400 klinischen Studien gentherapeutisch behandelt, wobei es sowohl Höhepunkte als auch Tiefschläge gegeben hat: Im Jahr 2000 wurde die vollständige Heilung einer vererbten lebensbedrohlichen Immunerkrankung an vier Kleinkindern gezeigt. 1999 gab es auch den ersten durch eine Gentherapiestudie verursachten Todesfall."

Fazit: Vor allem mehr Grundlagenforschung ist notwendig. Aus der "Gentherapie-Alchemie" muss erst eine echte Wissenschaft werden, die nicht nur herumexperimentiert. (APA)

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