Reproduktionsmedizin: "Wir brauchen ein einheitliches Vorgehen in Europa"

21. Juni 2002, 09:40
posten

WissenschafterInnen fordern Änderung des restriktiven Gesetzes

Wien - Der mehr oder weniger künstliche Weg zum Baby - samt allen weltanschaulichen, religiösen und ideologischen Aspekten der Reproduktionsmedizin: Rund 5.000 WissenschafterInnen werden am Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie (ESHRE) in Wien (30. Juni bis 3. Juli, Austria Center Vienna) teilnehmen. In einem Gespräch mit der APA aus diesem Anlass forderte der österreichische Organisator des Kongresses, Univ.-Prof. Dr. Franz Fischl (Universitäts-Frauenklinik/Wien), mehr Wissenschaft und eine Änderung des restriktiven Fortpflanzungsmedizingesetzes.

Das millionste IVF-Baby

Die harten Daten: Weltweit haben bereits zwischen 35 und 70 Millionen Paare die Methoden der "unterstützten Reproduktionstechnologien" benutzt, um doch noch zu Kindern zu kommen. Am 25. Juli 1978 kam in Großbritannien mit Luisa Joy Brown das erste "Retortenbaby" zur Welt. Fischl: "Für dieses Jahr wird bereit mit dem millionsten IVF-Baby auf der Erde gerechnet. Die Zahlen steigen. Das hat auch seinen Grund in der gesellschaftlichen Entwicklung. Immer mehr Erstgebärende sind schon 30 und darüber. Da ist aber der größte Teil der fruchtbarsten Phase im Leben der Frau schon abgelaufen. Wir wissen heute zum Beispiel, dass die Eierstöcke bereits früher zu altern beginnen."

Auch die Männer werden mit zunehmendem Alter nicht fertiler. Aus dieser Schere entwickelt sich ein immer größerer Bedarf für jene Techniken, mit denen sich Unfruchtbarkeit überwinden lässt.

Keine optimalen Erfolgsraten

Die Fakten aus Österreich: Im Jahr 2000 wurden über die mit Beginn jenen Jahres etablierte Regelung, wonach ein öffentlicher Fonds unter bestimmten Bedingungen 70 Prozent der Kosten für bis zu vier IVF-Behandlungen übernimmt, insgesamt 3.926 IVF-Versuche durchgeführt. Das sind etwa 70 Prozent aller IVF-Behandlungen in der Alpenrepublik. Bei 13 Prozent kam es zum Abbruch der Behandlung. Bei 66 Prozent vom Rest wurde neben der IVF auch die künstliche Injektion des Spermiums in die Eizelle benutzt, um zu einer Befruchtung zu kommen. Die Schwangerschaftsrate pro Ei-Follikel-Punktion betrug 24 Prozent. Damit ist auch klar, dass die In vitro-Fertilisierung noch längst nicht optimale Erfolgsraten aufweist.

Gefahr des "Tourismus"

Kein Wunder, dass manche WissenschafterInnen deshalb zu immer waghalsigeren bzw. ethisch umstritteneren Techniken greifen, um zum Erfolg zu kommen. Fischl: "Die europäische Gesellschaft versucht auch hier für Reproduktionsmedizin, Stammzellenforschung und Techniken wie 'Klonen' Guidelines und Empfehlungen zu erstellen. Wir brauchen ein einheitliches Vorgehen. Sonst gibt es die Gefahr des 'Tourismus'."

Der Gynäkologe ist über die Situation in Österreich nicht unbedingt glücklich: "Österreich, Deutschland und die Schweiz sind am restriktivsten. Da werden auch die Präimplantationsdiagnostik und die Stammzellgewinnung abgelehnt." Zwar sei offenbar absehbar, dass man auch adulte Stammzellen in die verschiedensten Gewebetypen des Organismus verwandeln könne, doch für die Forschung werde man wahrscheinlich in Zukunft auch embryonale Stammzellen benötigen, so Fischl. (APA)

Share if you care.