Kaprun: Hinterbliebene warten vergeblich auf Antworten

20. Juni 2002, 23:49
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Kritik an frühen Medienauftritten mancher Gutachter - Der technische Direktor der Gletscherbahnen blieb stumm

Salzburg - Ein Strafprozess folgt den Regeln der Strafprozessordnung, keinen anderen. Das derzeit im Salzburger Kolpinghaus verhandelte Verfahren über die Brandkatastrophe im Stollen auf das Kitzsteinhorn ist, rechtlich gesehen, ein Strafprozess wie andere auch. Dieses Erkenntnis mussten am Donnerstag, dem dritten Verhandlungstag, die wenigen noch anwesenden Hinterbliebenen der 155 Opfer machen.

Der angeklagte technische Direktor der Gletscherbahnen Kaprun, Manfred Müller, machte von seinem Recht Gebrauch, auf Fragen nicht einzugehen.

Wie berichtet, hatte Müller zwar die Fragen von Gericht und Staatsanwaltschaft beantwortet, eine direkte Konfrontation mit den Vertretern der Angehörigen aber abgelehnt. Diese hätten über die Medien wiederholt Vorverurteilung betrieben.

Technischer Direktor blieb stumm

Kompromissvorschläge, Staatsanwältin Eva Danninger-Soriat oder Richter Manfred Seiss könnten die Fragen der Privatbeteiligten vortragen, lehnten beide jedoch ab. "Wir bleiben bei der Strafprozessordnung", so der knappe Kommentar von Seiss.

Die Folge: Müller blieb stumm - mit versteinerter Miene ließ er zirka hundert Fragen der Privatbeteiligtenvertreter über sich ergehen. Allein Anwalt Johannes Stieldorf begehrte zu etwa 70 Themen - von Evakuierungsübungen über Störfälle bis zur fehlenden Tunnelbeleuchtung - Auskünfte. Beim Unglück am 11. November 2000 war auch sein Sohn ums Leben gekommen.

Der zweite Angeklagte, Gletscherbahnen-Betriebsleiter Günther Brennsteiner, meinte ähnlich wie Müller tags zuvor, er könne sich "in einem so sicheren System" einen derartigen Unfall bis heute nicht schlüssig erklären. Über ein mögliches Versagen des Heizlüfters hatte er sich vor dem Unglück keine Gedanken gemacht. "Das Funktionieren des Heizkörpers ist für den Betrieb des Zuges nicht wichtig." Deshalb sei dieser bei Kontrollen auch nicht zerlegt worden.

Gutachter im Mittelpunkt

Ins Stocken geriet er bei Fragen nach der Brandschutztüre im Alpincenter, der Bergstation der Unglücksbahn. Er hatte nach eigenen Angaben den Ausbau des elektronischen Schlosses beauftragt, um die Türe als Fluchtweg unversperrt halten zu können.

Daneben standen am Donnerstag einmal mehr die Gutachter im Mittelpunkt. Gegen Anton Muhr und Klaus Hellmich wurden von mehreren Verteidigern der 16 Beschuldigten Befangenheitsanträge eingebracht. Die Experten hätten in Fernsehinterviews Wertungen vorgenommen, so der Vorwurf. Ein Interview sei sogar eine Woche bevor das Gutachten überhaupt in den Gerichtsakt einging, ausgestrahlt worden. Selbst die Staatsanwältin, die immerhin ihre Anklage auf die Gutachten stützt, hält solche Auftritte für "nicht geschickt". Eine Entscheidung des Gerichtes steht aus. (Thomas Neuhold und Stefan Tschandl, DER STANDARD Print-Ausgabe 21.6.2002)

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