Un Viaggio in Italia

20. Juni 2002, 19:26
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Ilse Aichingers unglaubwürdige Reisen (28)

Italien hat gegen Südkorea verloren, und bis zum Staatspräsidenten hinauf sind alle empört. Dabei: Verlieren ist doch viel wertvoller als siegen. Als die Kinder klein waren und meine Tochter bei "Mensch ärgere dich nicht" verlor und weinte, versuchte ich, ihr zu erklären: Man müsse verlieren lernen, das sei für das Leben viel wichtiger. Seither weinte sie immer, wenn sie gewann.

Und außerdem ist es doch viel schöner, nach Italien zurückzukehren.

Man könnte zum Beispiel in einen ehemaligen Kriegshafen reisen, es gibt nichts Ruhigeres als ehemalige Kriegshäfen: La Spezia in Ligurien. Mehr als hundert Jahre, ehe Columbus 1451 in Genua geboren wird, fällt ein großer Teil der ligurischen Bevölkerung der Pest zum Opfer. Im Reiseführer heute: Fischhändler, eingelegte Pilze, Wäsche vor den halb geschlossenen Läden, der "sympathische Trubel", der in der Gattung der Reiseführer verlangt wird. Und der Stil wechselt mit den Reisenden: Flaubert, Nietzsche, Ezra Pound, Rilke, Gide, Hemingway.

"La Spezia, dessen kleine Barken auf dem Meerwind schaukeln", notiert Fanny Lewald. Friedrich Nietzsche: "Der herrliche Eindruck dieser Stadt kämpft noch bis heutigentags die Sehnsucht nach dem übrigen Italien in mir nieder. Es ist etwas Griechisches daran, ohne Zeifel, andererseits etwas Piratenhaftes, Plötzliches, Verstecktes. Ich sehe Gesichter aus verschiedenen Geschlechtern - diese Gegend ist mit den Abbildern kühner und selbstherrlicher Menschen übersät." Montesquieu hingegen notiert, er hätte sich in Genua zu Tode gelangweilt. Max Frisch beschreibt den Markt unter den schattigen Bögen: "Ganze Hügel von Schuppensilber."

Als wir eines Tages im Hochsommer von Groß-gmain nach La Spezia fuhren, um den grünen Wiesen, Alleen und auch den alpenländischen Sagen zu entkommen, fanden wir, wovor man uns gewarnt hatte: einen Kriegshafen. Doch auch ein Hafenmuseum, von dem nicht nur die Kinder fasziniert waren: Wrackteile, Galionsfiguren, aber auch eine Menge intakter Schiffe der Handelsmarine. In der Stadt: Fabriken, Werften und Bars. Die Straßen waren nicht nur von Touristen belebt. La Spezia gilt noch immer als Marinestadt, und zumindest 1968 tauchten noch Kriegsschiffe auf, Marinesoldaten, meist Wehrpflichtige aus ganz Italien.

Ich erinnere mich an eine Galionsfigur im Museum, in die sich ein junger Tourist verliebt hatte: Er nahm sich ihretwegen das Leben. Sie blieb stumm, wir besuchten sie oft, sie sah schwer und gleichmütig aus. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2002)

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