"Kein Markt ohne Risiko"

20. Juni 2002, 18:56
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Handelskammer-Chefin Cattaui fordert moderate Finanzreformen

Die gebürtige Griechin Maria Livanos Cattaui ist Generalsekretärin der Internationalen Handelskammer (ICC) in Paris, einer weltweiten Unternehmenslobby. Im STANDARD-Gespräch sagte sie über

Börsenkrisen:
Wenn die Wirtschaft gut läuft, dann gibt es keine Vertrauenskrise. Erst in Zeiten der Wirtschaftskrise werden alle Fehler sichtbar. Der Markt bestraft dann inakzeptable und nicht funktionierende Modelle der Unternehmensführung. Die Vertrauenskrise wird so lange dauern wie die Wirtschaftskrise selbst. Sie ist nicht der Grund für die Marktschwäche, es ist umgekehrt.

Reformvorschläge:
Vieles wird derzeit vorgeschlagen, aber nur eine Balance zwischen verschiedenen moderaten Reformen wird das Vertrauen wiederherstellen. Es wird zu Änderungen bei den Wirtschaftsprüfern kommen. Ich glaube aber nicht, dass ein verpflichtender Wechsel der Prüfergesellschaft die Lösung ist, denn es dauert sehr lange, bis man einen Kunden kennen lernt. Keine Reform wird das Vertrauen wiederherstellen, solange die Gewinne nicht wieder steigen.

Regulierung:
Unternehmen mögen Regeln, aber klare Regeln, die sie nicht belasten. Es kommt da auf die Art der Regulierung an. Was immer man tut, man soll den Markt nicht daran hindern, ungesunde Unternehmen zu bestrafen. Es gibt keinen Markt ohne Risiko, denn ohne Risiko gibt es kein Wachstum, sondern nur Stagnation und Lähmung.

Vorbild USA:
Der Glaube an ein Modell, das für alle Länder passt, ist verschwunden, und das ist gut so. Das gilt für Corporate Governance und für das Rechnungswesen. Die meisten Manager wollen einheitliche Rechnungslegungsprinzipien in allen Märkten, weil sie sonst vieles duplizieren müssen. Das lässt sich am besten durch Konvergenz (zwischen IAS und US-GAAP, Anm.) erreichen. Technisch ist das möglich, es braucht aber den politischen Willen.

Unternehmensaufsicht:
In den USA wird die Rolle der unabhängigen Direktoren genau geprüft. In Europa ist die Funktion des Aufsichtsrates manchmal mehr Mythos als Realität, aber wenn man zum ursprünglichen Prinzip zurückkehrt, dann kann das System gut funktionieren.

Konzernchefs:
Es wäre traurig, wenn Konzernchefs nur noch als Gauner betrachtet werden, denn Unternehmen brauchen Führung. Aber es muss wieder etwas mehr Verhältnismäßigkeit einkehren. Es gab zuletzt unanständig hohe Gehälter, das ist außer Kontrolle geraten. Die Konzernchefs wurden dafür bezahlt zu kommen, sie wurden bezahlt zu bleiben und wieder bezahlt, um zu gehen. Wenn sie gute Arbeit leistet, ist das in Ordnung, aber wenn es nicht funktioniert, muss man das überdenken.

Weitere Informationen bei ICC Austria, (01) 501 05, oder icc-austria.org
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