Die Krise der Bilanzfriseure

20. Juni 2002, 18:53
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Der Kollaps des US-Energiehändlers Enron hat tiefere Spuren in der Weltwirtschaft hinterlassen als selbst die Anschläge des 11. September

Am Höhepunkt des Börsenbooms vor zwei Jahren hatten Anleger nur eines im Sinn: hohe und höhere Unternehmensgewinne. Keiner war darin besser als der texanische Energiehändler Enron, der Jahr für Jahr seine Profite steigerte, indem er vom Gas bis zum Wetter alles per Telefon und Internet handelte.

Doch im Herbst 2001 platzte die Enron-Blase: Es stellte sich heraus, dass die smarten Boys aus Houston Millionenverluste angehäuft hatten, die sie durch undurchsichtige Bilanztricks versteckten. Zuerst verbuchte der Finanzchef Andrew Fastow bei langfristigen Geschäften, deren Erträge noch gar nicht abzuschätzen waren, den maximalen Gewinn sofort in seinen Büchern. Als die Geschäfte sich als Flop erwiesen und dadurch die Schulden stiegen, wurden diese in Partnerschaften ausgelagert, an denen Spitzenmanager von Enron beteiligt waren. Dennoch wurden diese nicht in der Konzernbilanz konsolidiert. Obwohl die Grenzen der Legalität dabei berührt und sogar überschritten wurden, gab der Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen jedes Mal sein Placet.

Wohlbekannte Tricks

Der Kollaps von Enron hat nicht nur großen und kleinen Investmentfonds Milliarden von Dollar sowie Tausenden Enron-Mitarbeitern ihre Ersparnisse gekostet. Das Vertrauen in die Glaubhaftigkeit des amerikanischen Finanzwesens ist seither angeknackst. Denn die von Enron verwendeten Tricks waren auch in anderen Chefetagen nicht unbekannt. Nach kurzen Recherchen stellte sich heraus, dass selbst die renommiertesten US-Konzerne wie General Electric und IBM ihre Gewinne frisierten.

Seither wird keiner einzigen positiven Unternehmensmeldung an der Wall Street mehr so richtig Glauben geschenkt. Gerade die Aktien jener Unternehmen, die jahrelang für ihre aggressiven Bilanzmethoden hochgejubelt wurden, sind in den Keller gefallen, darunter auch der Mischkonzern Tyco, dessen Chef Dennis Kozlowski der Steuerhinterziehung beim Kunstkauf verdächtigt wird.

Weitere Kreise

Doch die Vertrauenskrise zieht weitere Kreise. Die gesamte Wirtschaftsprüferbranche ist in Verruf geraten. Die vier Gesellschaften, die nach dem Ende von Arthur Andersen übrig bleiben (siehe Kasten) müssen in Zukunft wahrscheinlich darauf verzichten, ihren Kunden gewinnbringende Beratungsleistungen anzubieten, weil dies Interessenkonflikte hervorruft. Ähnlich geht es den Analysten der großen Investmentbanken, seit der New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer herausgefunden hat, dass die gleichen Internetfirmen, die vom Brokerhaus Merrill Lynch zum Kauf empfohlen wurden, in privaten E-Mails als letzter Dreck beschimpft wurden. Merrill zahlte eine saftige Strafe und versprach, in Zukunft den Analysten mehr Unabhängigkeit zu gewähren.

Zwei weitere Säulen der US-Finanzwelt sind unter Beschuss. Das Rechnungslegungssystem US-GAAP, das bis Enron als strengstes der Welt galt, erwies sich als löchrig wie ein Emmentaler. Gerade weil Enron so genaue Regeln für die Bilanzierung auflistet, fällt es findigen Finanzvorständen leicht, diese zu umgehen. Die in der EU gebräuchlichen International Accounting Standards (IAS) beschränken sich hingegen auf allgemeine Grundsätze, für deren Einhaltung Management und Wirtschaftsprüfer verantwortlich sind. Auch wenn sich dieses System als überlegen erweist, ist es unwahrscheinlich, dass die USA es akzeptieren. Stattdessen dürfte am ohnehin schon unüberschaubar langen US-GAAP weiter getüftelt werden, während Lobbyisten alle drastischen Reformen blockieren.

Betroffen sind auch die Mitglieder der Verwaltungsräte (Board of Directors), denen ungenügende Aufsicht in vielen Fällen vorgeworfen wird. Weil die Schadenersatzklagen gegen sie immer weiter steigen, steigen die Versicherungen aus. Das führt dazu, dass viele Sessel leer bleiben, gerade wenn die Märkte sich nach erfahrenen, unabhängigen Aufsichtsräten sehnen. (Eric Frey, DER STANDARD, Printausgabe 21.6.2002)

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