Roland Ertl - Ein Heerführer mit einmaliger Machtfülle

20. Juni 2002, 18:48
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Die Familie bleibt, wo sie ist. Das ist mit der Frau und den drei Kindern schon so ausgemacht. Eine Übersiedlung und Umschulung will Roland Ertl vor allem seinen Kindern nicht mehr antun, die sich in den nächsten beiden Jahren auf die Matura in Salzburg vorbereiten. Übersiedelt sind sie ohnehin schon oft: von Wien nach New York 1993 - dort war der Vater sechs Jahre lang als Militärberater bei der ständigen Vertretung Österreichs bei den Vereinten Nationen tätig.

Dann tat sich eine Chance in der Heimat auf: Ertl könne zurück nach Salzburg, wo er seine militärische Karriere begonnen hatte. Also wurde gepackt. Und während der Vater schon seinen Dienst als Militärkommandant in Salzburg antrat, richtete sich die Familie in Wien ein. Dann folgte sie nach Salzburg, wo sie, bis auf weiteres, auch bleiben wird. Bis auf weiteres wird auch Ertl noch Militärkommandant bleiben - denn den neuen Posten, in dem er am Donnerstag von Verteidigungsminister Herbert Scheibner vorgestellt wurde, wird Ertl erst am 1. Dezember antreten.

An diesem Tag wird die neue Struktur der Zentralstelle aktiviert, Ertl wird dann in der neu geschaffenen Funktion des Chefs des Generalstabs der ranghöchste Offizier im Bundesheer sein. Gleichzeitig einer von drei Sektionschefs (die anderen sind Rainer Holenia und Theodor Mather) und alles in allem für Planung (diesen Stab leitet Brigadier Karl Wendy), Führung (Brigadier Christian Segur-Cabanac) und Rüstung (Divisionär Kurt Mörz) verantwortlich.

Eine Machtfülle, wie sie seit 1938 kein General des Bundesheeres mehr hatte. Dabei war es dem am 23. Juli 1945 geborenen Oberösterreicher nicht an der Wiege gesungen, dass er eine militärische Karriere machen würde - seine Familie war eher in der Bauwirtschaft engagiert. Als er 1966 nach Glasenbach einrückte, wollte er nach dem Militärdienst sein Studium der Landtechnik an der damaligen Hochschule für Bodenkultur abschließen.

Aber es gefiel ihm beim Heer so gut, dass er an die Theresianische Militärakademie wechselte, um als junger Leutnant nach Salzburg zurückzukommen. Schon damals interessierte sich Ertl für Auslandsaufenthalte, war am Golan und im UNDOF-Hauptquartier in Damaskus.

Wieder zurück in Österreich, arbeitete er am Aufbau des Luftraumüberwachungssystems Goldhaube mit und lernte das Geschäft der Zentralstelle in der für Beschaffung zuständigen (und künftig ihm als Stabsstelle unterstellten) Sektion IV kennen.

Aufgefallen ist er aber nicht nur als korrekter Beamter und Militärdiplomat, sondern auch als Truppenführer: Sein persönlicher Einsatz bei der Aufarbeitung der Schäden nach der Katastrophe von Kaprun lenkte den Blick des Ministers auf Ertl.

(DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2002)
von Conrad Seidl
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