Madonnen im Neonlicht

20. Juni 2002, 17:11
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"gotikSCHÄTZE" taucht in eine Epoche, die Oberösterreichs Identität entscheidend prägte.

Mit "gotikSCHÄTZE oberösterreich - Kunst und Lebensalltag im Mittelalter" werden im Linzer Schlossmuseum Kunst und Alltag in jener Epoche aufgearbeitet, die Oberösterreichs Identität - bis hin zum neugotischen Linzer Dom - entscheidend prägte.


Linz - Mode und Mystik, Künstlichkeit und Transzendenz - die Kunst der Gotik hat diese heute als unvereinbar geltenden Gegensätze identifiziert. Und das macht es uns einigermaßen schwer, sich für diesen Stil der frommen Eleganz zu erwärmen.

Leichter tut man sich mit der Archaik der Romanik oder dem Realismus der Renaissance als mit der kapriziösen Welt der Schnabelschuhe tragenden Heiligen und mit Schüsselfalten drapierten schönen Madonnen. Hierzulande sind die aufregendsten Werke der Gotik erst an der Schwelle zur Neuzeit entstanden, in der krisengeschüttelten, aber künstlerisch ergiebigen Epoche Michael Pachers.

Die Spätgotik steht auch im Mittelpunkt der sehenswerten Ausstellung "gotikSCHÄTZE oberösterreich". Als Signet wählte man deshalb Pachers jugendlichen König aus dem Altar von St. Wolfgang, der schon bei der legendären Kremser Gotikausstellung von 1967 den Katalogeinband zierte. Zufälligerweise steht dieser bedeutendste erhaltene Flügelaltar der Kunstgeschichte im heutigen Oberösterreich.

Residenz in Linz

In der landespatriotisch orientierten Schau präsentiert sich Oberösterreich als regelrechtes Gotikland - zehn weitere, über das Land verstreute Ausstellungen komplettieren das Bild der Epoche. Immerhin war das Zeitalter Pachers auch das für Linz politisch glanzvollste, als der von den Ungarn aus Wien vertriebene Kaiser Friedrich III. (1452-1493) hier im Schloss seine Residenz aufschlug.

Seither ist die Gotik so etwas wie ein oberösterreichischer Identitätsfaktor - man denke nur an den neugotischen, 1924 (!) eingeweihten Linzer Dom. Die von Lothar Schultes konzipierten gotikSCHÄTZE sind das bislang größte Projekt des Oberösterreichischen Landesmuseums, das unter seinem neuen Direktor Peter Assmann für frischen Wind unter den etwas verschlafenen Bundesländermuseen sorgt. Anders als vor 35 Jahren in Krems zeigt man nicht einfach Kunst in ihren verschiedenen Gattungen, sondern möchte vor allem den Alltag des Spätmittelalters erlebbar machen. So erfährt man hautnah, welche Kopfbedeckungen man trug, was man in der Schule lernte, welches Ungeziefer einen des Nachts im Bett heimsuchte und womit man seine Krankheiten heilte - inklusive der erfolgreichen Beinamputation, die Friedrich III. ohne Narkose über sich ergehen lassen musste.

Volksfrömmigkeit und Ablasswesen, Bautechnik und Kriegshandwerk werden mit ausgewählten, didaktisch gut aufbereiteten Exponaten nahe gebracht. Empfindlich getrübt wird diese museumspädagogische Glanzleistung leider durch ein extrem aufdringliches Ausstellungsdesign, das mit bunten Neonröhren Solariumatmosphäre verbreitet.

Standardwerk

Weniger anregend als den Alltag gelingt es die Kunst der Gotik zu vermitteln. Hier beschränkt man sich auf die traditionellen Kunstlandschaften und Stilphasen, ohne eine thematische Gliederung zu versuchen und die eingangs erwähnten Rezeptionschwierigkeiten auszuräumen. Entschädigt wird man allerdings durch die Entdeckung manch unbekannter Objekte wie der "Darbringung im Tempel" des Meisters von Mondsee, dessen Oeuvre nun erstmals an einem Ort vereint ist.

Mit dem gewohnt informativen, 500 Seiten starken Katalog, an dem auch international renommierte Gotikexperten wie Robert Suckale mitgewirkt haben, dürfte ein Standardwerk für die nächsten Jahrzehnte geschaffen worden sein.

Ergänzend bietet sich eine Reise nach Trento an. Im Museo Diocesano Tridentino wie im Castello del Buonconsiglio belegen gut 150 Werke die Entwicklung der Gotik in den Alpen zwischen 1350 und 1450. Die Schau geht von den Fresken im Adlerturm des Castello Buonconsiglio aus. Der Zyklus der Monate im Adlerturm entstand um 1400 im Auftrag des Fürstbischofs Georg von Liechtenstein. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2002)

Von
Anselm Wagner

Link

www.schlossmuseum.at

Bis 27. 10.
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