Frankreich: Bürgermeister nach Angriff auf Reporter festgenommen

20. Juni 2002, 14:52
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Als "Nazi-Schweine" beschimpft - Polizei ermittelt gegen 56-Jährigen wegen Körperverletzung

Nach einem Angriff auf zwei Reporter des Saarländischen Rundfunks (SR) ist der Bürgermeister des ostfranzösischen Dorfes Gelaucourt, Michel Capdevielle, in Polizeigewahrsam genommen worden. Wie ein Sprecher der Gendarmerie am Donnerstag mitteilte, wurde der 56-Jährige am Vorabend festgenommen. Gegen ihn werde wegen vorsätzlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung und Nötigung ermittelt. Er solle am Donnerstag verhört werden.

In Gelaucourt liefern sich Bürgermeister und ein Bürgerkomitee seit längerem einen grotesken Kleinkrieg. Die SR-Reporter wollten am Mittwoch darüber berichten. Als sie gerade ihre Geräte auspackten, radelte das Dorfoberhaupt plötzlich auf sie zu und stürzte sich ohne jede Vorwarnung auf sie, wie einer der Betroffenen, Hartmut Müller, berichtete. Capdevielle habe ihm die Kamera entrissen und auf den Kopf geknallt. Anschließend habe er die Kamera zu Boden geschmettert.

Capdevielle habe ihn und seinen Kollegen, den aus Mali stammenden Kameramann Abdul Traore, zudem als "Nazi-Schweine" beschimpft. Müller musste nach eigenen Angaben unter anderem wegen Kopfverletzungen im Krankenhaus in Nancy behandelt werden. Er erstattete Anzeige gegen Capdevielle. Der SR prüft nach Angaben eines Sprechers, ob auch er Strafanzeige erstatten wird.

Gelaucourt machte in Frankreich wiederholt von sich Reden, weil sich ein Bürgerkomitee gegen die "tyrannischen Methoden" des Bürgermeisters zur Wehr setzt. Das Komitee wirft ihm vor, die rund 50 Einwohner mit einer Flut von Verboten und Vorschriften zu drangsalieren. Mit dem Zwist befasst sich auch die französische Justiz, der über 30 Klagen und Anzeigen von Bürgern und Bürgermeister vorliegen. Das SR-Team wollte eine Reportage über den dörflichen Kleinkrieg drehen und hatte, wie es betonte, die Dreharbeiten vorschriftsgemäß angemeldet. (APA)

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