Al Gore sieht EU an einem kritischen Punkt

20. Juni 2002, 14:55
1 Posting

Konflikt zwischen USA und Europa "übertrieben" - Ex-US-Vizepräsident bei "Europa Forum" in Wien

Wien - Der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore sieht die europäische Integration an einem kritischen Punkt. Die EU befinde sich in einem "Flaschenhals", nachdem sie eine gemeinsame Währung eingeführt, aber noch keine politische Union erreicht habe, sagte Gore am Donnerstag beim "Europa Forum" von Bank Austria und Creditanstalt in Wien. In seiner Rede bezeichnete Gore Aussagen über einen Konflikt zwischen Europa und den USA als "übertrieben" und wies auf die globalen Herausforderungen durch Immigration und Klimaänderung hin.

"Ich war einmal der nächste Präsident der USA", sagte Gore zu Beginn seines Vortrags selbstironisch. Er gab sich in Bezug auf die europäische Integration zuversichtlich, dass dieser "lange, langsame Prozess" weitergehen werde. Zur bevorstehenden EU-Erweiterung meinte er, deren Finanzierung stelle eine "große Herausforderung" dar.

Der ehemalige Vizepräsident räumte ein, dass es zwischen den USA und Europa Differenzen gebe, etwa beim Einsatz von Gewaltmitteln oder dem Respekt für das Völkerrecht. Allerdings sollten diese nicht übertrieben dargestellt werden. Die Bürger beider Kontinente hätten nämlich oft ähnliche Ansichten etwa zu gentechnisch veränderten Lebensmitteln, oder auch bei der Todesstrafe. In seiner frei gehaltenen Rede wies Gore auch auf das Problem des globalen Bevölkerungswachstums und der Einwanderung hin. Es gebe diesbezüglich "große Sorge" in Europa, doch müsse man auch angesichts des Immigrationsdrucks weiterhin offen und den Werten des Humanismus verpflichtet bleiben.

Nach der "Gutenberg-Galaxis"

Nach Ansicht von Gore findet derzeit auch eine Revolution in der Informationsvermittlung statt, deren Folgen noch nicht abzuschätzen seien. Die Erfindung des Buchdrucks habe die Nationalstaaten in Europa hervorgebracht und das Internet, das sich derzeit noch in einem frühen Entwicklungsstadium befinde, könnte das Machtgleichgewicht zwischen Bürgern und Regierungen erneut ändern. Viele junge Menschen würden sich heute mehr mit der Welt und gleichzeitig ihrer Region identifizieren als mit den Nationalstaaten. Zur globalen Klimaänderung sagte Gore, dass in der Geschichte der Menschheit bisher noch nichts Vergleichbares stattgefunden habe. So werde es in 50 Jahren im arktischen Meer im Sommer kein Eis mehr geben.

Abschließend wies der demokratische US-Politiker die Europäer und Amerikaner zu einer Rückbesinnung auf die gemeinsamen Werte der Aufklärung auf und warnte vor einer allzu wirtschaftlich ausgerichteten Sichtweise auf die Probleme. "Wir haben die Angewohnheit, Dollars und Cents Werte zuzuschreiben. Andere Werte sind aber wichtiger." Wenn man nämlich alles immer noch "monetarisiere", scheinen jene Werte, die man eben nicht in Geld ausdrücken könne, wertlos zu sein.

Die hochkarätig mit Spitzenpolitikern und Topmanagern besetzte Veranstaltung war zuvor von Bank Austria-Generaldirektor Gerhard Randa und Bundespräsident Thomas Klestil eröffnet worden. Randa sagte, es sei nach dem 11. September klar geworden, dass Wirtschaftswachstum allein nicht mehr alle Probleme der Welt lösen könne. Zukünftig werde neben dem Wachsen auch das Teilen notwendig sein. Klestil forderte mit Nachdruck und "entgegen allen Wortmeldungen in jüngster Zeit" die Einhaltung des EU-Erweiterungsfahrplanes ein und machte sich für eine umfassende Reform der Union stark. (APA)

Europa-Forum

Klestil für Europäische Verfassung
Abschottung der "Festung Europa" wäre "Ende unseres Europäertums"

Share if you care.