Nah bei Wien steigt das Adrenalin

25. Juni 2002, 11:16
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Fallschirmspringen: "Man spielt sich mit der Luft, man spürt die Natur, und man hat einen Speed von 200 km/h drauf."

Flugzeuge können dein Leben verändern. Wenn du ein Flugzeug zum Beispiel, ohne dass dich jemand dazu zwingt, in einer Höhe von 4000 Metern verlässt, bedeutet das schon einen Einschnitt.

Vor eineinhalb Jahren haben die Fallschirmspringer des "Para Club Wr. Neustadt" ihre alte Cessna gegen eine Dornier eingetauscht, das hat ihr Leben verändert, vom Kredit ganz abgesehen. Die DO 28, ein deutsches Militärflugzeug Baujahr '72 und längst ausgemustert, ist untertourig, leise und Sprit sparend unterwegs, sie nimmt 15 Personen mit und erreicht binnen zehn Minuten jene Höhe, auf der die 15 auszusteigen gedenken. Kein Vergleich zu früher und zur Cessna, die laut war, nur sechs Passagiere fasste und 23 Minuten stieg. Merke: Schnellere, leisere, größere Flieger bringen mehr Fallschirmspringer öfter an ihr Ziel.

Der "Hamster", der Hamster heißt, weil er brav isst und fast jeder Springer einen Spitznamen hat, hat dir vorher immerhin versichert, dass er nicht nur einen Schirm, sondern auch einen zweiten mithat, und sich der sogar von selbst öffnen würde.

In Wiener Neustadt sind sie stolz auf den großen Vogel, den sie wie einen Adler lackiert haben. Sie sind gerade dabei, ihm einen Hangar zu bauen, bis jetzt stand er im Freien. In der ehemaligen Bundesheer-Baracke, von den Springern in ein Klubhaus mit allem Drum (Nassräume, Garderobe, Schirm-Packraum) und Dran (Büro, Küche, Schlafräume) verwandelt, war nicht genug Platz. Im und vor dem Klubhaus sitzen Springer beisammen und simpeln fach. Manchmal warten sie, dass sich der Wind legt. Oder dass sich eine Wolke verzieht. Oft wird aufgekocht, aber vom Feinsten, schließlich lässt sich auch der Koch vom "Tempel" in Wien gerne fallen, und wenn er gelandet ist, stellt er sich manchmal im Klubhaus an den Herd. Aus dem Kassettenrecorder kommt alles, nur nicht Tom Petty - gestandene Springer können "Free Falling" nicht mehr hören.

Der Hamster hat dich in einen Overall gesteckt, dir Helm und Brille aufgesetzt, ein Gurtzeug verpasst und sich quasi an deinen Rücken geschnallt. Er hat gesagt, in der Luft die Knie abbiegen, das Kreuz hohl machen. Und einfach nur genießen.

Der "Para Club" hat knapp 100 Mitglieder, die teils rein spaßhalber, teils wettkampfmäßig springen. Man unterscheidet diverse Disziplinen wie Vierer- und Achter-Formation, Freefly, Freestyle und Skysurfen. Der Tandemsprung (ab 180 Euro) soll im Idealfall Gusto auf mehr machen, also werden auch Kurse mit Prüfung angeboten. Recht neu im Programm ist die AFF-Schulung, AFF steht für Accelerated Freefall. Der Schüler wird dabei von zwei Lehrern begleitet, die in der Luft während des freien Falls schon seine Haltung korrigieren und auch im Fall eines Blackouts eingreifen können. Walter Hanzmann, den sie "Baba" nennen, ist so ein Lehrer, er hat in den USA die Prüfung zum "AFF Jumpmaster" abgelegt.

Tatsächlich musst du dich nicht sehr überwinden, vielleicht weil du nicht siehst, wo du aufkommen wirst. Die Tür geht also auf und die Post ab. Bei 200 km/h flattern deine Wangen, die Stirn legt sich in Falten. Der Hamster hat leicht lachen, der kriegt vom Wind kaum was ab. Außerdem hat er schon 7000 Sprünge dort, wo du jetzt ihn hast.

Nach mindestens sieben und im Schnitt zehn AFF-Sprüngen und gegen ein Entgelt von 1750 oder etwas mehr Euro, je nach Lerngeschwindigkeit, ist man Fallschirmspringer, dann borgt man sich die Ausrüstung eher nicht mehr aus. Ein neuer Schirm ist ab knapp 4000 Euro zu haben, für Overall, Lederhaube, Brille und Höhenmesser sind etwa 450 Euro zu berappen. Ja mei, nichts ist umsonst im Leben, dessen abruptes Ende schon manchmal ein Öffnungs-Automat verhindert hat, der also den meisten Fallschirmspringern 500 bis 1000 Euro wert ist. Der Automat reagiert auf Luftdruck und schießt, wenn ein Springer im freien Fall warum auch immer nur noch 250 Meter über dem Boden ist, "die Reserve raus", wie es heißt.

Nach 55 Sekunden zieht es dich und den Hamster mit einem Ruck nach oben, vermeintlich halt, schließlich fallt ihr immer noch, nur langsamer. Das Klubhaus wird immer größer.

"Baba" ist früher oft Formation gesprungen, da ist der "Para Club" die Nummer eins im Land, in dem es etwas mehr als 500 Aktive gibt. Heute springt Baba eher aus Lust und Laune, soll heißen, er verbringt von Frühling bis Herbst die meisten Wochenenden am Flugplatz. Seine Frau hat er klassisch kennen gelernt, sie buchte einen Tandemsprung und war gleichsam doppelt fasziniert. "Es ist das Freiheitsgefühl", sagt Baba. "Man spielt sich mit der Luft, man spürt die Natur, und man hat einen Speed von 200 km/h drauf."

Kurz vor der Landung ziehst du die Füße hoch. Zuerst kommt der Hamster auf, dann du, dann der Schirm. Ein bisserl grün bist du im Gesicht, sagt der Hamster. Und geht ins Klubhaus, den Schirm packen für den nächsten Sprung. (Fritz Neumann/DER STANDARD, Printausgabe)

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