Wenn Quadratmeter wachsen

24. Juni 2002, 23:12
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Viel Platz sparen will das Konzept Go Cubic von Ikea, das in Älmshult präsentiert wurde. Esther Mitterstieler schaute, ob die Sache aufgeht

"Stellen Sie sich vor, Sie leben auf einem Raum von 33 Quadratmetern. In dieses Beispiel versuchen wir uns hineinzuversetzen", sagt Bill Agee, Chef von Ikea Catalogue Sevices AB (ICSAB). Nach diesem Schema hat das große schwedische Möbelhaus sein neues Konzept Go Cubic entwickelt: höchstmögliche Nutzung auch des kleinsten Raumes bei gleichzeitiger Rücksichtnahme auf ein passendes Design. Auf 30 Quadratmetern quasi leben wie auf 100. Und frisch dazu haben die Designer eine neue Stoffschiene geschneidert.

So hat die Ikea-Führung im südschwedischen Älmshult auch gleich ein Trinom mitentwickeln lassen, das die 70.000 Mitarbeiter weltweit den Kunden näher bringen sollen: sleep, eat and socialise - Schlafen, Essen und der gesellschaftliche Aspekt, drei Bereiche, die in keinem von Ikea eingerichteten Wohnraum fehlen sollen. Die Schweden machen Platz für jeden, und das auf jedem verfügbaren Zentimeter, Go cubic eben. Um das Konzept verständlich zu machen, hat Ikea in dem 17.000-Einwohnerdorf Älmshult, knappe zweieinviertel Stunden von der dänischen Hauptstadt Kopenhagen gelegen, eine kleine Lagerhalle fünf Minuten von der Ikea-Zentrale entfernt angemietet und zeigt auf engstem Ausstellungsraum vor, was Go cubic heißt.

Vier Varianten kann eine Zimmereinrichtung haben: small, medium, large und x-large. Von der nackten Dusche bis hin zum komplett ausstaffierten Badezimmer. Da kann sich ein Zimmer ganz schnell in diverse Zimmer verwandeln: Dafür sorgt beispielsweise eine Küche, so groß wie ein Zweitürenschrank und dabei auch gleich dort eingebaut. Was heißt: Wenn du fertig gekocht hast, machst du die Schranktüren zu, und keiner weiß, dass es da überhaupt eine Küche gibt. Gleiches steht beim Büro an: fein ordentlich im Schrankbauch angesiedelt, mit Regalen an der Schrankwand hinauf und dem nötigen Platz für einen zusammenklappbaren Stuhl - fertig ist die Arbeit dann und zugemacht und weggedacht mit dem Verschließen der Türen. Nach außen hin ein ganz normaler Schrank, der auch im Schlafzimmer stehen kann - und bei 33 Quadratmetern wohl auch muss.

Wer denn doch ein paar Quadratmeter mehr zur Verfügung hat, kann die nächste Größe ordern: statt small eben large, was bedeutet: Der Schrank fällt weg, und Schreibtisch und Bürosessel dürfen auch frei im Raum stehen. Die Austausch- und Wandelbarkeit hat höchste Priorität. So gibt es neue Lampenschirme mit 20 verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten. "Da gibt es verschiedenste Sockel für ein und dieselbe Lampe", erklärt Jenny Aulin, Produktentwicklerin im Haupthaus, die selbst bekennt, zu 99 Prozent Ikea-Einrichtung auch zu Hause zu leben.

Und da gibt es eben auch ein wegschließbares Büro oder eine ebensolche Küche. Oder auch einen quadratischen Tisch, der umgestülpt ein Triangel ergibt und in engen Ecken leicht noch Platz findet. Alles im Zeichen des Wegräumens und Versteckens, gleichsam als Ausdruck der gegenwärtigen Rückbesinnung der Menschen auf das ureigenste Private. Und gleichzeitig räumt Ikea noch einem anderen, neuen Bedürfnis des ins Wanken und in die Unruhe gekommenen Zeitgenossen ein: Alles ist flexibel und jederzeit veränderbar. Zu den Möbeln hat das schwedische Möbelhaus sich von seinen Designern auch noch das passende Stoffmaterial stylen lassen. "Wir glauben, dass buntes Design sehr modern ist, gerade als Bettüberzug", sagt Maria Wüllrich vom Produktmarketing.

Ein Grund für die wieder entdeckte Anziehungskraft der Stoffe ist der in den vergangenen Jahren spärlicher gewordene Verkauf in diesem Bereich, räumt Maria ein. Daher also die Entwicklung des Gedankens, für jeden Lebensbereich etwas anzubieten - vom Topflappen bis zum Duschvorhang ist alles kombinierbar. Da lässt Designerin Erika Pekkari mit ihrer Vorliebe für Zitronen den Duft der Südfrucht in den Wohnraum ziehen. Da wachsen Zitronen am Frühstückstisch, ziehen sich an den Duschvorhängen hinauf und schmücken die Topflappen. "Es ist alles kombinierbar", nach dem Wunsch von Ikea, höchstmögliche Flexibilität bei gleichbleibender Wohnqualität zu ermöglichen. Die Hauptfragestellung muss bleiben: Was ist wirklich wichtig?, meint Topmanager Agee. Und vor allem: "Wir müssen aufhören, an die Quadratmeter zu denken, sondern den gesamten Raum sehen. So bekommst du fünf Mal mehr Platz, als du in Wirklichkeit zur Verfügung hast."

Damit sich das die Kunden auch bildlich vorstellen können, schießen Ikea-Fotografen jährlich rund 30.000 Fotos, die eingebettet in die Kataloge in 64 Ländern der Welt verteilt werden und 4500 Produkte zeigen. Die Entwicklung eines Kataloges kann im hauseigenen Fotostudio, mit bald 15.000 Quadratmetern das größte in Nordeuropa, von einem Jahr bis höchstens drei Jahren dauern, so Agee. Damit die Kunden auch wirklich glauben, was sie beim Durchblättern der Kataloge sehen, setzen die Ikea-Leute nur Ikea-Mitarbeiter als Fotomodelle ein. Und setzen auf Inspiration und Ordnung, gemäß der Widerspiegelung der linken und rechten Hirnhälfte des Menschen. Sechs Tage dauert es, bis ein Studioset entsteht. Der nordische Sommer gewährleistet eine gute Unterstützung der Studiolichter durch die riesigen Fenster. Im Winter allerdings, wenn es gegen 15.15 Uhr dunkel wird, müssen die starken Scheinwerfer allein für das günstigste Aufnahmelicht sorgen.
(Der Standard/rondo/21/06/02)

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