Vom Sex zum Sauger

24. Juni 2002, 22:56
posten

Trendforscherin Nelly Rodi erarbeitet Visionen, die uns sagen, wie unsere Alltagswelt in Zukunft gestaltet sein könnte. Säubern könnte diese ein Gerät namens "Trilobite"

Mit den schwarzen spitzen Schuhen hat er so seine Probleme: Wieder und wieder geht "Trilobite" sie an und kommt einfach nicht an ihnen vorbei. Wäre er ein Hund, würden seine Besitzer, die Herren der schwedischen Firma Electrolux, jetzt sagen: "Das hat er noch nie gemacht." Er ist aber der erste serienreife Staubsaugerroboter, der allein staubsaugt und Hindernisse eigentlich umfahren sollte. Also schweigt man und schiebt insgeheim sein "Verhalten" auf die Elektronik unter seinem roten Gehäuse.

Die Schuhe, die den Saugroboter nicht loslassen, gehören Nelly Rodi, Chefin der gleichnamigen Style-Agentur aus Paris. Zum Verkaufsstart von "Trilobite" plauderte sie Anfang Juni in Hamburg über die Zukunft. Die ist nämlich ihr Geschäft, ruft Rodi doch Trends aus. Bevor das passiert, betreiben die Trendforscher einigen Aufwand. Nelly Rodi und ihre Agenten in dreizehn Ländern analysieren die Märkte von Skandinavien bis Taiwan. Geforscht wird dabei auf drei Arten: Bei der ersten, der "brainstorming"-Methode, spinnen, grob gesagt, Kreative wie Maler, Schriftsteller und Designer gedanklich herum. "Ich pushe sie in die Zukunft", erklärt Rodi, "drei Monate lang entwickeln wir Szenarien über Essen, Schlafen, Sex, Wohnen und dergleichen."

Im zweiten Schritt kommen diejenigen ins Spiel, die den Trendforschern besonders am Herz liegen: die Verbraucher, schließlich sollen letztlich sie für einen ausgerufenen Trend empfänglich sein. Sie werden gefragt, was sie von der Zukunft erwarten - und Rodi legt Wert auf die Feststellung, dass ihre Agentur dabei mit Soziologen und Psychologen zusammenarbeitet. Dritter Baustein sind die Marketinganalysen. Sind die Märkte so durchleuchtet, entwickelt Nelly Rodi so genannte "trend books". Dort finden sich Farb-und Stoffbeispiele neben Schnitt- und Produktskizzen. Die Bilderbücher sind jedoch nicht nur schön anzuschauen, sondern in erster Linie fürs Geschäft gedacht: vor allem für die Agenturkunden Rodis aus der Textil- und Kosmetikindustrie. Ob dann nicht so manch angeblicher Trend in Wirklichkeit eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ist, weil die beratenen Firmen genau die prognostizierten Trends produzieren?

Solche Kritik lässt Nelly Rodi unbeirrt, zumal sie in Frankreich in ihrer Branche anerkannt ist und gar die höchste Staatsauszeichnung "Ritter der Ehrenlegion" trägt. Mittlerweile berät Rodi neben ihren Industriekunden auch die Politik: Anfang des Jahres hat das französische Wirtschaftsministerium sie zur offiziellen "Chef-Visionärin" der französischen Modeschöpfer berufen.

Und was wird nun im kommenden Jahr Trend, Madame Rodi? "Die Leute wollen überrascht werden. Design wird bizarr, und aufregend", ist sich die Trendforscherin sicher. Überraschen könnten Dinge, die etwas verbergen. Ohnehin werden laut Rodi zunehmend Produkte interessant, die des Verbrauchers Sehnsucht nach Magie, Surrealismus und Illusion erfüllen. "Die Erfolge von Büchern wie ,Harry Potter' und Filmen wie ,Die fabelhafte Welt der Amélie' belegen diese Richtung: Wir wollen aus der Realität weggeholt werden in eine positive, magische Welt", erklärt Nelly Rodi. Für die Warenwelt könnte das bedeuten, dass im nächsten Jahr Porzellan mit Trompe-l'oeuil-Effekten, also Illusionsmalerei auf uns warten. Oder Lampen mit Kristall-Einschließungen von Schmetterlingen, Blumen oder Sternen. Außerdem sei ein rüder, kraftvoller, fast zerstörerischer Chic im Kommen, samt Erzeugnissen aus rauen, aber luxuriösen Materialien. Die Trendforscher würden sich bestätigt fühlen, wenn wir bald von Geschirr mit angetäuschten Sprüngen essen oder uns Vorhänge mit Brandflecken aufhängen. Es muss also alles nicht so perfekt sein, Produkte mit kleinen Fehlern sind erlaubt. Das dürfte die Hersteller des eingangs erwähnten "Trilobite" freuen. Schließlich ist ihr Staubsauger-Roboter zwar mit intelligenter Technologie ausgestattet, unfehlbar ist er aber nicht: Von Treppen fällt er herunter, Ecken kann er nicht saugen, weil er rund ist, Wasser ist sein Feind und auf tiefe Teppiche sollte man ihn besser nicht loslassen. "Er ist kein Ersatz für einen Staubsauger, sondern ein Zusatzgerät", sagt auch die Firma Electrolux und spricht auch lieber von Staubaufnahme denn von Staubsaugen. Immerhin soll "Trilobite" 95 Prozent der freien Fläche staubfrei machen. Putzig anzusehen ist es schon, wie das Gerät allein durch den Raum fährt: Ultraschallsensoren ermöglichen "Trilobites" Steuerung - eine Technik, die sich die Ingenieure bei Fledermäusen abgeschaut haben.

Der Natur entlehnt ist auch das Design des Haushaltshelfers: der Trilobit war vor Jahrmillionen ein Gliederfüßler, der Nahrung vom Meeresboden absaugte. Für ein Zusatzgerät ist der jedoch ganz schön teuer: 1599 Euro. Mal sehen, ob "Trilobite" in der Lifestyle-Welt Staub aufwirbeln wird. (Mareike Müller/DER STANDARD/rondo/21/6/02)

  • Artikelbild
  • Artikelbild
Share if you care.