Grenzfälle

26. Juni 2002, 09:45
posten

Mobilität und Flexibilität bleiben weiterhin Schlagworte im Design. Das sieht auch das Internationale Designjahrbuch 2002 / 2003 nicht anders

Bald schon, so prophezeiten euphorische Denker, würden Orte, würde das Wohnen obsolet sein, Urbanität sich auflösen in digitalen Netzen. Raum und Zeit, bislang als unumstößliche Konstanten verstanden, sollten verschwinden. Bald schon, so hörte man, würden sich Bewegung und Mobilität vom Körper befreit haben. Das klang visionär und inspirierte Designer. Allerdings etwas hilflos: Plötzlich hatten Möbel keine Sockel mehr, auch Beine schienen abgeschafft - wo man auch hinsah: Die Möbel endeten am Boden mit Rollen, zeugten von ungebremstem Bewegungsdrang. Jede Bodenhaftung war verloren gegangen.

Mobilität, Bewegung und Flexibilität

Der Höhepunkt allgegenwärtiger Möbelrollen war etwa vor drei Jahren. Mittlerweile ist der Unfug weitgehend verschwunden. Ungebrochen ist indes der Hang nach Mobilität, Bewegung und Flexibilität. Dies, so ist nun zu beobachten, lässt sich sinniger ausdrücken, als es bislang geschah - und vielfältiger. Nina Farkache etwa, Designerin aus den Niederlanden, hat eine Annäherungsbewegung im Alltag beobachtet und daraus eine Bank entstehen lassen. Eine Bank, die einen sonst üblichen Mangel nicht mehr aufweist: die stets falsch angeordneten Sitzschalen - mal zu dicht beieinander, mal zu weit voneinander entfernt. Ihr Möbel mit dem programmatischen Namen "Come a little bit closer" fordert zur Bewegung auf, ermöglicht aber ebenso Distanz wie Nähe. Unzählige Glasmurmeln ergeben ein Rollfeld für fünf flexible Sitze, die sich frei bewegen lassen. Aber nicht nur die Flexibilität der Sitze besticht. Vielmehr ist es die Haltung der Designerin, den Entwurf offen zu halten, den Gebrauch nur grob zu skizzieren, statt ihn präzise vorzuschreiben. Dass dieses Objekt nun ins Internationale Designjahrbuch 2002 / 2003 aufgenommen wurde, passt in das avisierte Konzept von Ross Lovegrove, der in diesem Jahr als Designer für die Objektauswahl des Buches verantwortlich ist.

Das "Verwischen von Grenzen", so sagt er, sei eines der Ziele. Nina Farkache ist dies gelungen. Denn an die Stelle üblicher Designparolen - etwa "form follows function" oder, ebenso unbrauchbar, "form follows emotion" - gilt bei ihr der Gedanke, dass sich Form durch Nutzung ändert. Und diese ist bis zum Moment der Nutzung nicht exakt durch Designer zu bestimmen - das kann jeder nur selbst. Ebenfalls dem Alltag abgeschaut ist ein Produkt der Berliner Designer Oliver Bormann und Alexander F. Llamajares. Auch sie haben bemerkt, dass Dinge oft anders verwendet werden, als dies vom Designer gedacht ist. Umzugskartons dienen beispielsweise als kleine Schränke, gewiss nicht als besonders schöne. Dennoch: In der Hektik eines Umzugs bleibt schon mal etwas liegen, schnell wird aus einem Stapel Kartons ein kleines Lager. Offenbar geplagt von rasender Mobilität wollten die beiden Designer Wohnen und Umziehen nun näher zueinander bringen: quasi die Flucht als erträglichen Dauerzustand. Jene Pappkartons, in denen sich Hausrat, Bücher und sonstige Utensilien transportieren lassen, so stellten sie fest, mutieren nach eifrigem Schleppen alsbald zum Möbel - kaum in der neuen Wohnung angelangt, wird nur entpackt was wichtig ist.

In mindestens einer Ecke aber türmen sich ein paar Kisten, die später, meist aber gar nicht ausgeräumt werden. Bis sie erneut beim nächsten Umzug unbenutzt weggetragen werden. Nun wurde die Notlösung zum Prinzip erhoben. Die stapelbaren Kisten, gefertigt aus stabilem Aluwerkstoff, sind ein wenig kleiner als ihre Vorbilder aus Pappe. So lassen sie sich mit einem Handgriff verpacken, wegtragen und ebenso schnell wieder zur heimeligen Schrankwand türmen. Sicher, das flexible Leben fordert seinen Tribut, ewiges Umziehen stresst, Nomaden werden müde.

Hilfreich ist da eine Lösung, die die Designerin Lisa Besset und ihr Kollege Thomas Wüthrich entwickelt haben: eine Weste, die sich jederzeit zum mobilen Sitzmöbel verwandeln lässt. Mit wenigen Handgriffen wird die Weste zu einer vollwertigen Liege oder zu einem flachen Stuhl. Lediglich die Beine fehlen.

Möbel oder Kleidungstück

Ob es sich hierbei um ein Möbel oder ein Kleidungsstück handelt, ist unklar. Denn auch die beiden Schweizer Designer wollen nicht nur die Ausstattung der mobilen Gesellschaft ergänzen, ihnen liegt auch an der Kooperation zwischen Mode- und Industriedesign. So ist der "wearable chair for everywhere" nur der Anfang einer Serie von tragbaren Möbeln. Weitere Utensilien haben die jungen Schweizer Designer bereits in Vorbereitung. Eine Bewegung ganz besonderer Art bietet ein weiterer, ebenfalls in das Internationalen Designjahrbuch aufgenommener Entwurf. Allerdings ist die Bewegung hier nicht mehr körperlich.

Vielmehr lädt der Stuhl "Ram" dazu ein, sich selbst als Gemälde zu verstehen - eine Überhöhung der eigenen Person, eine innere Bewegung, die zwangsläufig zur Ruhe führt. Im unbenutzten Zustand ist der Stuhl eine schräg stehende Farbfläche. Nur eine kleine Wölbung gibt Auskunft über den Stuhl, der hinter dem elastischen Stoffbezug steht. Ein wahrhaft funktionales Möbel. Denn es ist Objekt im Raum, Bild oder Skulptur und damit der reinen Anschauung nützlich. Sitzen, eine sehr simple Funktion, die schon von jeder Getränkekiste hinreichend erfüllt wird, Sitzen wird zu einer Begebenheit.

Es ist nur schwer vorstellbar, dies unbewusst zu tun. Hier, auf dem von der schwedischen Designgruppe "No Picnic" entworfenen Stuhl ist mehr Bewegung als in allen Möbelrollen dieser Welt: Der Mensch imaginiert sich als Kunstwerk.

Der Standard/rondo/21/06/02

Von Knuth Hornbogen

Das Internationale Designjahrbuch fasst alljährlich eine Sammlung gelungener Designobjekte zusammen. Die Auswahl wird stets von einem international renommierten Designer getroffen. In dem nun vorliegenden Buch trug der Brite Ross Lovegrove die Verantwortung. Geordnet nach Metall, Glas, Textil oder Kunststoff versammelt das Werk Objekte aus den Bereichen Wohnen oder Arbeiten, aber auch Medizin und Design im öffentlichen Raum. Ziel dieser Gliederung ist das "Verwischen von Grenzen". Ross Lovegrove (Hrsg.): Das Internationale Designjahrbuch 2002/2003, Bangert Verlag, EURO 60
  • Rashids Stuhl "Pink Bubble Chair"
    foto: verlag bangert

    Rashids Stuhl "Pink Bubble Chair"

  • Leuchte "Illustri" von Hans Heisz
    foto: verlag bangert

    Leuchte "Illustri" von Hans Heisz

  • Sessel "Cocoon Chair" von Ann Pamintuan
    foto: verlag bangert

    Sessel "Cocoon Chair" von Ann Pamintuan

Share if you care.