Phantom im Schlosspark

24. Juni 2002, 09:35
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Das Planungsbüro Embacher Wien hat sich unter anderem mit intelligenten, simplen Konzepten für Ausstellungen, Speichersystemen und Installationen im öffentlichen Raum einen Namen gemacht und nun ein Gartensalettl für Schönbrunn entworfen

Eigentlich ist Michael Embacher jetzt noch erstaunt über den Auftrag. Nicht darüber, dass er und sein Planungsbüro ihn bekommen haben, sondern darüber, dass sich die Auftraggeber "etwas Modernes" wünschten - und das ausgerechnet für Schönbrunn. Sein jüngst fertiggestelltes Werk ist ein Pavillon, ein so genanntes Gartensalettl. Vier dieser historischen Salettln säumen den Kronprinzengarten des Schönbrunner Schlossparks, Embachers Arbeit komplettiert - am Originalstandort - als fünftes die ursprüngliche Anzahl. Es ist aber keineswegs eine Rekonstruktion des Vorbilds, wie sie in diesem Kontext vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Die Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebs-GmbH und das Bundesdenkmalamt gaben überraschenderweise dem Neuen eine Chance und entschieden sich für Embachers zeitgenössische Interpretation des Historischen.

Um eine Harmonie zwischen diesen entfernten Zeitperioden herzustellen, sind in Embachers Entwurf einige der Komponenten erhalten, bzw. finden sich Bezüge zwischen Alt und Neu. So entspricht etwa die Kubatur dem Original, neu ist hingegen das Material: gebürsteter Nirostahl mit einem Lochanteil von 50 Prozent. Das Lochmuster, das mittels Laser geschnitten wurde, verweist wiederum auf das Vorbild und entspricht mit auf die Spitze gestellten Quadraten dem Muster des ursprünglichen Pavillons, der aus Holz hergestellt wurde. Gleichzeitig dient dieses Muster aber auch als Konstruktion, die das Ganze hält - daher kommt das Metall-Salettl ohne Rahmen und Stützen aus. Das Innere hingegen unterscheidet sich deutlich vom historischen Pavillon. Es enthält eine Wendeltreppe, die zu einer Aussichtsplattform führt, auf der man den für das Publikum nicht zugänglichen Kronprinzengarten überblicken kann. In die umlaufende Reling, die das Gesims der historischen Pavillons aufnimmt, sind lineare Lichtkörper integriert, die den Pavillon in der Dämmerung beleuchten.

Nichts Historisierendes wollte Michael Embacher mit dem neuen Gartensalettl schaffen, betont er, "aber auch nichts, das aus der Umgebung herausknallt". Folgerichtig hat das verwendete Material beinahe chamäleonhafte Eigenschaften. Durch die Lochung gleicht es sich seiner Umgebung an. Bis zur Höhe der Büsche schimmert es grünlich, gegen den Himmel hin wird es bläulich, ebenso reagiert es auf unterschiedliche Sonnenbestrahlung. Und je weiter man sich davon entfernt, desto mehr scheint es mit seinem Umfeld zu verschwimmen, erscheint es wie ein Schatten. "Deswegen haben wir es intern auch Phantom getauft", sagt Embacher.

Der gebürtige Salzburger, der nach eigenem Bekunden sein Architekturstudium nie beendete, weil er ziemlich schnell in die Praxis ging, arbeitet gerne mit dem Spannungsfeld, das zwischen Alt und Neu entsteht. Dem Alten etwas Neues entgegenzusetzen, sieht er als die für ihn aufregendste Form des Gestaltens. Sein vor achteinhalb Jahren gegründetes Büro "Embacher Wien" hat eine ganze Reihe von Ausstellungsprojekten realisiert, unter anderem über 20 für das MAK, hat das Archiv und den Shop des Herbert-von-Karajan-Centrums in Wien, das Geschäftsportal des Juweliergeschäfts Römer's Nachfolger, die Summerstage am Donaukanal und die Buchhandlung Prachner gestaltet. Eines der vielen neuen Projekte Michael Embachers ist (gemeinsam mit Peter Noever und Sepp Müller) jenes des "Contemporary Art Tower" für den Flakturm im Wiener Arenbergpark oder ein Filmlager für das in Laxenburg beheimatete Filmarchiv Austria.

Hervorstechendstes Merkmal aller Arbeiten sind die oft verblüffend einfachen - und nebenbei auch kostengünstigen - Lösungen, die Embacher und sein Team für auf den ersten Blick reichlich Kompliziertes ersinnen. Der ",special agent' für avancierte Aufgaben und Fragestellungen" (© Desirée Schellerer und Wolfgang Kos) erfand zum Beispiel für die Wiener Stadt- und Landesbibliothek ein neuartiges Archivierungssystem für historische Plakate, das praktischerweise ohne Schrauben auskommt und inzwischen patentiert wurde. Oder er verwendete aufkaschierte Pappendeckelkartons als Ausstellungssysteme. Ein Tüftler also, im besten Sinne des Wortes, der trotz des Blickes auf die Kosten auch immer die Stimmungen im Auge hat, die er mit seinen Projekten erzeugt. (Margit Wiener/DER STANDARD/rondo/21/6/02)

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