von Clarissa Stadler
Schokobraune Socken und Pfefferminztee

27. Juni 2002, 12:28
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"Das Schlimmste sind Vorurteile", ächzt Lena. "Aber manchmal bildet sich von einem wildfremden Menschen nach drei Sekunden so ein Bild, dagegen kannst du gar nichts machen!" "Was für ein Mensch, was für ein Bild?" "Neulich, kurz vor sechs im Drogeriemarkt, legt ein Mann im Jägerleinenanzug mit so grünen Streifen an den Hosenbeinen seine Einkaufswaren auf das Fließband. Vor meinem geistigen Auge hat sich sofort ein komplettes Szenario entwickelt." "Nämlich?" "Also die Produkte waren: ein paar mokkabraune Socken, eine Packung Klopapier in dieser Feuchtversion, Teebeutel (Geschmacksrichtung Pfefferminz) und eine Packung Präservative. Entschuldige, da macht man sich seine Gedanken." "Wieso?" "Na, da stelle ich mir vor, wie dieser Typ seinen Feierabend verbringt." "Und zwar?"

"Also ich stelle mir vor, der Mann heißt Hubert oder Wolfram, ist verheiratet und Familienvater, führt aber ein Doppelleben. Bevor er nach Hause geht, besucht er seine Angebetete, die er in der Landwirtschaftskammer kennengelernt hat. Die Frau, nennen wir sie Annemarie, gibt tagsüber im Büro die unauffällige Vorzimmerdame, ist aber ein durch und durch abgründiges Weib, was Hubert oder Wolfram anlässlich einer Firmenweihnachtsfeier, unter beiderseitigem Punscheinfluss, zufällig bemerkt hat. Seitdem spielen die beiden nach Büroschluss ihr dreckiges Spiel. Es läuft immer nach dem selben Ritual ab: Er will, dass Sie Pfefferminztee zubereitet. Während Annemarie also wortlos in der Küche werkt, legt er seinen Jägerleinenanzug ab und zieht die dunkelbraunen Socken an. Wenn sie mit dem Pfefferminztee aus der Küche kommt, fällt er, jetzt nur noch in braunen Socken, über sie her. Den Rest kannst du dir denken."

"Lena, du bist pervers!" "Was willst du? Es ist Sommer." (DER STANDARD/rondo/21/06/02)

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