Stadtschulrat: Kritiker sehen Proporzposten

20. Juni 2002, 10:22
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Beförderung eines Christgewerkschafters umstritten

Wien - "Das Schulwesen in Wien ist streng nach rot-schwarzem Proporz aufgeteilt", erläutert Grünen-Bildungssprecherin Susanne Jerusalem Unwissenden "ein Sittenbild". Das funktioniere in Stadt, Land, Bund gleich. "Dieses Mal bekommt ein Schwarzer einen Posten."

Die gestrige Bestellung eines VP-Gewerkschafters zum Landesschulinspektor für die Humanberuflichen Schulen (zuständig für Schulen für wirtschaftliche Berufe, Tourismusschulen) sorgt aber auch unter Betroffenen für Unmut. Denn im Vorfeld haben sich auch Direktorinnen, die den bisherigen langjährigen Gewerkschaftsfunktionär als künftigen Chef erhalten sollen, gegen ihn ausgesprochen. Leopoldine Wospiel (ebenfalls VP) hat an das Kollegium des Stadtschulrates geschrieben, man möge von seiner Bestellung absehen.

Ihre SP-Kollegin Viktoria Kriehebauer, Direktorin in der Wassermanngasse, hält den Neuen für "völlig unbeleckt", was die fachliche Qualifikation angeht. "Wir kriegen jemanden vorgesetzt, der keine Ahnung und keine Sozialkompetenz hat."

Susanne Jerusalem kritisiert außerdem das Prozedere der Bestellung. Ihrer Ansicht nach ist der VP-Mann zum einen nicht als der Kandidat mit der besten Bewertung aus dem Objektivierungsverfahren (bestehend aus Computertest, Gutachten, strukturiertem Interview) hervorgegangen.

Zudem würde das vorgeschriebene Amtsgutachten fehlen. Dieses müsse vom zuständigen Abteilungsvorstand im Stadtschulrat erstellt werden. "Es fehlt im Akt", so Jerusalem, und sie nennt als Grund, dass man stadtschulratsintern von der Qualifikation des Kandidaten nicht überzeugt sei. Ihr Antrag, die Causa in der Mittwochsitzung im Stadtschulrat von der Tagesordnung zu nehmen, sei abgelehnt, der VP-Mann bestätigt worden.

Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SP) weist Vorwürfe eines unkorrekten Verfahrens zurück. Die Unterlagen seien komplett. Der Abteilungsvorstand ihres Hauses habe kein Amtsgutachten vorgelegt, jedoch den Dreiervorschlag erstellt. Es gäbe aber Gutachten anderer Direktoren für den VP-Mann.

Von einer parteipolitischen Besetzung nach rot-schwarzem Muster könne keine Rede sein, assistiert VP-Bildungssprecher Walter Strobl. Er besteht darauf, dass sein Parteikollege ordnungsgemäß bestellt wurde. Die Grünen bezichtigt er, am Bestellungsverfahren nicht ausreichend mitgewirkt zu haben. (Andrea Waldbrunner, DER STANDARD Print-Ausgabe 20.6.2002)

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