Die großen Streitthemen der Geschichtsschreibung

19. Juni 2002, 19:45
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Von der Fischer-Kontroverse bis zur Goldhagen-Debatte: Historiker-Konferenz in Potsdam um Klärung bemüht

Potsdam - Die großen Streitthemen in der Geschichtsschreibung der vergangenen 50 Jahre stehen im Mittelpunkt einer Historiker-Konferenz, die am Donnerstag in Potsdam beginnt. Darunter ist die berühmte Fischer-Kontroverse, bei der es darum ging, ob Deutschland schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs war, oder auch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust.

TeilnehmerInnen

Nach Angaben des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung handelt es sich bei dem dreitägigen Treffen um die bisher größte Konferenz dieser Art. Zu ihr haben sich mehr als 150 Teilnehmer angemeldet. Es sei das Ziel herauszufinden, ob die hitzigen Diskussionen geholfen haben, Probleme zu lösen und wie sie die Öffentlichkeit beeinflussten, hieß es. Unter den Referenten sind prominente Historiker wie Wolfgang Mommsen, Reinhart Kosellek, Wolfgang Schieder, Jürgen Kocka, und Ulrich Herbert.

Außerdem haben die Rektorin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), Gesine Schwan, sowie die Historikerin Brigitte Seebacher-Brandt ihr Kommen angekündigt. In einer großen öffentlichen Abschlussdiskussion am Samstag geht es um das Thema "Zwischen Talkshow und Elfenbeinturm - Historiker in der Streitkultur der Gegenwart". Die Konferenz steht unter dem Titel "Zeitgeschichte als Streitgeschichte".

Kontroversen

Eine der größten Kontroversen entzündete sich in den 1960er Jahren an den Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer, der die Schuld des Deutschen Reiches am Ausbruch des Ersten Weltkriegs nachzuweisen versuchte. Bis dahin galt die allgemeine Lesart, dass alle beteiligten Mächte in den Krieg "hineinschlitterten". Beim Historiker-Streit von 1986/87 wiederum ging es um die Vergleichbarkeit der nationalsozialistischen Judenverfolgung mit den Unterdrückungs- und Vernichtungsmaßnahmen Stalins.

Ein anderes großes Streitthema auf der Konferenz ist die Diskussion um die These Daniel Goldhagens, dass im "Dritten Reich" weit mehr Deutsche über den Holocaust Bescheid wussten, als bisher angenommen. Bei dem jahrelangen Schlagabtausch um die Wehrmachtsausstellung ist umstritten, inwieweit deutsche Soldaten an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Schließlich wollen die Konferenzteilnehmer das Jahr der Studentenunruhen 1968 als "Geschichte einer versäumten Kontroverse" behandeln. (APA/dpa)

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