Teurer Hang zum "Selbstgebrannten"

19. Juni 2002, 18:58
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Die Musikindustrie arbeitet an einem neuem Schutz, der eine begrenzte Anzahl von Kopien zulässt

Wien - 20 Millionen CDs wurden im vergangenen Jahr in Österreich verkauft, 15 Millionen CDs wurden im selben Zeitraum "selbst gebrannt", Tendenz steigend. Die Folge des Hangs zur Selbstgebrannten, zumindest wie es der Verband der österreichischen Musikindustrie, IFPI Austria, sieht: ein Rückgang des Umsatzes der Musikproduzenten um 9,8 Prozent auf 283 Mio. Euro.

Eine Entwicklung, die bei der IFPI die Alarmglocken läuten lässt und vor allem zu einer Reaktion führt: den Ruf nach kopiergeschützten CDs. "Die Entwicklung erzeugt ein Szenario, über das wir nachdenken müssen", rechtfertigt IFPI-Geschäftsführer Franz Medwenitsch im Gespräch mit dem STANDARD die ersten Versuche der Musikindustrie, durch einen Kopierschutz das unerwünschte Vervielfältigen von Musik-CDs zu unterbinden.

Abstürze

Wie berichtet kommen eine zunehmende Anzahl von CDs in den Handel, die aufgrund ihres Kopierschutzes auf CD-ROM-Laufwerken von PCs, aber auch auf manchen Autoradios oder DVD-Spielern nicht abspielbar sind und auf PCs und Macs zu Abstürzen führen. Neue Alben der kanadischen Sängerin Celine Dion und des US-Rappers Eminem waren zuletzt besonders prominente Vertreter der Kopierschutzspezies. Findigen Bastlern gelang es jedoch auch, mithilfe eines Filzstifts die Schutzspuren auf der CD außer Gefecht zu setzen.

Das Problem, mit dem die Industrie kämpfe, sei nicht die private Kopie, die zum Anhören im Wochenendhäusl oder im Auto genutzt wird, "sondern eine Art schwarzer Handel mit selbst gebrannten CDs", sagt Medwenitsch. Dies führe inzwischen so weit, dass dem Handel die leeren CD-Booklets gestohlen würden, um damit die piratierten Musikscheiben aufzuwerten. "Die Musik steht mit der Thematik Schutz des geistigen Eigentums an vorderster Front mit Effekten auf den Verkaufsmarkt. Bei Büchern und Software ist dies weniger problematisch", glaubt Medwenitsch. Allerdings erwartet auch der deutsche Buchhandel im heurigen Jahr einen Rückgang von vier bis sieben Prozent, ohne ein vergleichbares Problem mit Raubkopien zu haben. Der heimische Buchhandel verzeichnete im Jahr 2000 ein Minus und wurde 2001 durch die Harry-Potter-Manie gerettet.

Nachteile für den Konsumenten

Medwenitsch räumt ein, dass der jetzige Kopierschutz zu Nachteilen für den Konsumenten führe. In den USA brachten Anwälte vor wenigen Tagen wie berichtet eine Sammelklage von Konsumenten ein, die sich in ihrem Recht zur Anfertigung persönlicher Kopien durch die neuen Schutzmechanismen geschädigt fühlen.

Es sei weiterhin möglich, eine Kopie herzustellen - man brauche nur den Audioausgang eines CD-Spielers mit dem PC-Eingang verbinden und könne eine Kopie anfertigen, verteidigt Medwenitsch die Vorgangsweise. Schließlich habe der Kunde kein Recht darauf, "auf bestimmten Geräten und in bestimmter Technik eine Kopie zu machen", sagt Medwenitsch.

Allerdings nehme man "das Problem verärgerter Kunden sehr ernst, weil wir können nichts gegen Kunden tun", räumt Medwenitsch ein. Es müsse auch künftig möglich sein, dass jemand die von ihm erworbene Musik auf einem PC abspielt, was eine wachsende Konsumsituation sei. Die Lösung, an der die Musikindustrie arbeitet, sei darum ein "Digital Rights Management", ein Kopierschutzverfahren für alle Arten von digitalisierten Medien, das eine begrenzte Anzahl von Kopien zulässt. Damit könnte dann der persönliche Bedarf gedeckt, aber krimineller Schwarzhandel verhindert werden. (Helmut Spudich, DER STANDARD, Printausgabe 20.6.2002)

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    foto: photodisc
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