"Nuklearer Winter der IT-Branche bis 2003"

20. Juni 2002, 09:06
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Broadvision sieht krisengeschüttelte Tech-Branche langfristig besser

Wien - Mit Optimismus blickt die krisengeschüttelte Technologiebranche längerfristig in die Zukunft, obwohl die sich abzeichnende wirtschaftliche Erholung an ihr nahezu spurlos vorbeizugehen scheint. "Unsere Branche befindet sich noch in einer Rezession, obwohl sich die Wirtschaft bereits erholt", sagte Pehong Chen, Gründer und CEO des kalifornischen Internet-Softwarespezialisten BroadVision, am Mittwoch vor Journalisten. Während des Hypes seien Überkapazitäten entstanden, nun werde es eine längere Zeit dauern, um aus dieser Situation herauszukommen. Erst 2003 erwartet Chen ein Anspringen der IT-Investitionen und damit das Ende des "nuklearen Winters der Branche".

Chen sieht die IT-Revolution mit dem Platzen der Spekulationsblase im Frühjahr 2000 aber keineswegs am Ende. Wie historische Beispiele gezeigt hätten, dauerte der Lebenszyklus technologischer Revolutionen - wie jene durch die Erfindung der Eisenbahn oder des elektrischen Stroms - zwischen 45 und 60 Jahren, greift der BroadVision-CEO auf eine Untersuchung von Prof. Brian Arthur vom Santa Fe Institute zurück. In der ersten Hälfte dieses Zyklus bilde sich stets eine spekulative Blase, wobei sich 80 bis 90 Prozent des Potenzials aber erst nach deren Platzen erschließen wurden. Nach dem Ende der momentanen Krise erwartet Chen daher "rationaleres, nachhaltiges Wachstum" für die Branche.

Bis Jahresende wieder profitabel

Trotz eines prognostizierten Umsatzeinbruchs um bis zu 50 Prozent will BroadVision bis Jahresende 2002 wieder profitabel werden. "Unsere Strategie kann nicht auf auf einer wirtschaftlichen Erholung basieren", so Chen. Im Vorjahr verbuchte der Software-Konzern allerdings bei einem Umsatz von 247,8 Mill. US-Dollar (261 Mill. Euro) einen Jahresverlust von 833,0 Mill. Dollar. Die BroadVision-Bilanz ist laut Chen aber "sehr solide" und das Unternehmen verfüge über "eine Menge Cash".

Wenig verwunderlich, dass angesichts dieser Zahlen der Aktienkurs des im Nemax-50 und im Nasdaq-100 vertretenen Unternehmens den Weg in den Keller angetreten hat. Nach einem Höchststand von knapp über 100 Euro im März 2000 notierte das Papier am Mittwochnachmittag gerade noch bei 59 Cents. Ende April hatte BroadVision einen offiziellen Antrag auf Beendigung des Handels am Neuen Markt gestellt, welche drei Monate nach Bekanntgabe der Aufhebung der Börsenzulassung rechtswirksam wird. BroadVision-Aktien werden aber auch weiterhin an der US-Technologiebörse Nasdaq gehandelt werden.

"BroadVision 7"

Zur Zeit befindet sich Chen auf einer Art Welt-Tournee, bei der die "dramatisch verbesserte", neue Softwareversion "BroadVision 7" vorgestellt wird. Mit dem Produkt, unterteilt in die drei Komponenten Portal, Content und Commerce, sollen Unternehmen das Internet schnell und risikofrei als Faktor zur Kostenersparnis einsetzen können. Denn nach dem Hype der 90er Jahre stellt Chen das Internet auf die selbe Ebene wie andere Investitionen: "Es muss sich rechnen."

Wie berichtet hat der Softwarekonzern im Zuge der Reorganisation des europäischen Marktes der Wiener Niederlassung die Verantwortung für die Region Mittel- und Osteuropa übertragen - "ein Kompliment von BroadVision an den Wirtschaftsstandort Wien". Im Österreich gehören neben "einigen Banken" auch Unternehmen wie OMV, der EnergieAllianz, Connect Austria oder Palmers zum Kundenstock des Unternehmens. (APA)

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