Letzter Zeuge im Engel-Prozess will nichts gewusst haben

19. Juni 2002, 14:23
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NS-Prozess in Hamburg neigt sich dem Ende zu

Hamburg - Der letzte Zeuge im Prozess gegen den ehemaligen deutschen SS-Offizier Friedrich Engel hat am Mittwoch keine Angaben zu der Erschießung von 59 italienischen Gefangenen im Zweiten Weltkrieg gemacht. "Ich weiß von nichts", wiederholte der ehemalige Leutnant der Kriegsmarine, der 80jährige Karl Heinrich M., immer wieder vor dem Hamburger Landgericht. Der mittlerweile 93-jährige ehemalige SS-Offizier Engel soll laut Anklage die Verantwortung für die Aktion gehabt haben, hat aber mehrfach betont, die Marine habe die Erschießung in Eigenverantwortung durchgeführt.

Der Angeklagte war im Mai 1944 Leiter des Außenkommandos des Sicherheitsdienstes (SD) in Genua. Er hat die Schuld an der Erschießungsaktion mehrfach bestritten. Der SD sei nur für die Vorbereitung zuständig gewesen. Die Exekutionen in der Nähe von Genua waren als Vergeltung für einen Anschlag auf ein deutsches Soldatenkino befohlen worden, bei dem fünf Soldaten getötet worden waren. Zudem habe er damals gedacht, die Repressalie sei vom Kriegsvölkerrecht gedeckt gewesen, sagte Engel mehrfach.

Der Zeuge M. betonte am Donnerstag, er habe auch von dem Anschlag auf das Soldatenkino nie etwas erfahren. "Das klingt unglaublich", entgegnete der Vorsitzende Richter Rolf Seedorf, doch M. blieb bei seiner Aussage: "Es tut mir Leid, aber ich weiß von dieser Angelegenheit nichts."

Auch die Vernehmung eines weiteren Zeugen hatte zuvor kaum Erkenntnisse gebracht. Der mittlerweile 81-jährige ehemalige Marine-Obergefreite Georg Josef S. konnte lediglich berichten, dass er und seine Kameraden kurz nach dem Anschlag von einem Leutnant gefragt worden waren, ob sie als Freiwillige an der Erschießung von Partisanen teilnehmen wollten. Wer den Befehl zu dieser Erschießung gegeben hatte, konnte S. aber nicht sagen.

Engel wurde 1999 in Abwesenheit von einem italienischen Gericht wegen 246-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Er hat seit Kriegsende weitgehend unbehelligt in Hamburg gelebt. Die Staatsanwaltschaft in der Hansestadt ermittelte seit 1998 gegen ihn. Der Prozess wird am Freitag mit der Verlesung weiterer Zeugenaussagen fortgesetzt. Anschließend soll plädiert werden. Ein Urteil wird spätestens für den 5. Juli erwarte.(APA/AP)

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