„Kann mir das Feuer nicht erklären"

19. Juni 2002, 22:06
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Nach dem zweiten Tag im Kaprun-Prozess muss das Gericht über Ablehnungs- anträge gegen die Gutachter entscheiden. Der Direktor der Gletscherbahnen verteidigte seine Arbeit

Salzburg - Von Alltagstrott zu sprechen ist noch zu früh - auch wenn die Reihen der Angehörigen und Journalisten am zweiten Tag des so genannten Kaprun-Prozesses bereits deutlich lichter waren. Dennoch schimmerte Mittwoch im Salzburger Kolpinghaus bereits die ganz normale Strafprozessroutine durch.

Anwalt Andreas Schöppl, der einen Prüftechniker vertritt, besann sich in seinem Eröffnungsplädoyer zwar kurz seiner Funktion als FP-Landtagsmandatar und kondolierte den Hinterbliebenen der 155 Opfer, dann attackierte er Staatsanwältin Eva Danninger-Soriat umso heftiger. Diese habe "ihre Hausaufgaben nicht gemacht"; sein Mandant habe in den Ermittlungen keine Möglichkeit zur Stellungnahme gehabt.

In Strafprozessen ebenfalls wenig überraschend ist der Versuch der Verteidiger, Gutachter auszuhebeln. In diesem Fall Peter Lechenauer, der einen Angestellten der Firma Swoboda vertritt. Dieser soll für den Einbau des laut Gutachten brandauslösenden, ungeeigneten Heizlüfters in den Führerstand der ausgebrannten "Kitzsteingams" verantwortlich sein.

Lechenauer wirft den Sachverständigen unter anderem vor, durch allzu freizügige Äußerungen gegenüber Medien Vorverurteilung betrieben zu haben. Gutachter Edwin Engel habe seine Untersuchung gar selbst in einer Zeitschrift publiziert. Der Sachverständige Anton Muhr wiederum wäre gar nicht für Seilbahnfragen qualifiziert.

Der Streit ist brisant. Folgt Richter Manfred Seiss dem Antrag, müssen neue Sachverständige bestellt werden. Der Prozess um die größte Brandkatastrophe der Zweiten Republik würde platzen.

Vorerst hielt Seiss am Prozessfahrplan fest. Am Mittwoch stand die Einvernahme des technischen Direktors der Gletscherbahnen, Manfred Müller, auf der Tagesordnung. Dieser präsentierte sich mit reinem Gewissen: Der Heizlüfter sei schon im Wagen montiert gewesen. Vor dem Unglück hätte es bei der Arbeit der Gletscherbahnen nie Beanstandungen gegeben. Es sei für ihn auch nach Lektüre der Gutachten bis heute nicht verständlich, wie sich der Brand derart explosionsartig entwickeln konnte, dass nach neun Minuten sogar das Hochspannungskabel im Stollen gebrannt habe: "Ich kann mir das Feuer nicht erklären."

Den Fragen der Privatbeteiligtenvertreter wollte sich Müller allerdings nicht direkt stellen. Diese hätten schon vor Prozessbeginn Vorverurteilungen ausgesprochen. Die gesammelten Fragen der Privatbeteiligtenvertreter soll nun Staatsanwältin Danninger-Soriat vortragen. Dies benötigt Zeit, was dem anfangs flotten Prozessverlauf etwas den Schwung nahm.

Abseits des Verhandlungssaals dominierte ein anderer die Diskussionen: US-Anwalt Ed Fagan. Da dieser als Zeuge nominiert und daher nicht mehr als Zuseher zugelassen ist, hat sein österreichischer Substitut, Privatbeteiligtenvertreter Jürgen Hinterwirth, seine Vollmacht für die Vertretung von Angehörigen der US-Opfer niedergelegt.

Da dadurch aber die US-Bürger keine rechtliche Vertretung in Salzburg hätten, steige nach der amerikanischen Rechtsauffassung die Chance, dass sich US-Gerichte für die von Fagan eingebrachte Zivilklagen zuständig erklären, erläuterte Hinterwirth vor Medienvertretern. (DER STANDARD, Print, 20.6.2002)

Thomas Neuhold und Stefan Tschandl
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