Arabische Intellektuelle in der Zwickmühle

19. Juni 2002, 13:00
posten

Autor Elias Khoury über Zensur und Einschüchterung

Hamburg - Der libanesische Schriftsteller Elias Khoury hat in einem Gespräch mit der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" die Furcht arabischer Intellektueller beklagt, ihre Kritik an palästinensischen Selbstmordattentaten öffentlich zu äußern. Dafür sei vor allem die Zensur und Einschüchterungspraxis der arabischen Militärregimes verantwortlich: "Die Machthaber terrorisieren die Intellektuellen, indem sie sie vor die Wahl stellen: Entweder befürworten sie das Militärregime, oder man droht ihnen mit der islamischen Gefahr." Tatsächlich aber, so fasst Khoury die Lage zusammen, sei "der Feind der Freiheit die Diktatur, nicht der Islam".

Debatte um Tabuthema

Auch den Ursprung der Selbstmordattentate sieht Elias Khoury nicht im Islam. Das glaube nur der Westen. "Dabei war es die linke nationale Bewegung, die damit begann." In einer Performance, die vom 26. bis 28. Juni auf dem Festival "Theater der Kulturen der Welt" in Bonn aufgeführt wird, zeigt Khoury das Videoband von einem Selbstmordattentäter der libanesischen Kommunistischen Partei. Er wolle damit eine Debatte um das Tabuthema anregen, "das aber nicht auf der Heiligkeit des Märtyrertums beruht".

Einen weiteren Grund für die Zurückhaltung kritischer arabischer Intellektueller in der westlichen Öffentlichkeit sieht er in den Vorurteilen des Westens: "Man wird gezwungen, Positionen einzunehmen, gegen die man immer gekämpft hat. Ein Intellektueller, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, die arabischen Regime zu kritisieren, muss diese plötzlich verteidigen."

Kritik an Geschichtsvergessenheit

Elias Khourys jüngstes Buch "Yalo" wurde in einigen arabischen Ländern verboten. "In dem Roman geht es um die arabischen Gefängnisse und ihre Foltermethoden, also über den Versuch der arabischen Regierungen, ihre Bürger zu demoralisieren", erklärte Khoury. Auf Deutsch sind von ihm die Romane "Königreich der Fremdlinge" und "Der geheimnisvolle Brief" erschienen. In letzterem arbeitet er die blutige Vorgeschichte des libanesischen Bürgerkriegs (1975-1990) auf. Khoury gilt als als scharfer Kritiker der von ihm als rücksichtslos und geschichtsvergessenen Wiederaufbaupolitik in Libanon. (APA/dpa)

Share if you care.