Die Lagerkommandanten von Theresienstadt

19. Juni 2002, 17:55
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Die Rolle der drei Österreicher Siegfried Seidl, Anton Burger und Karl Rahm

In der Aufarbeitung der Prozessakten rund 55 Jahre nach den Urteilsschlüssen entzieht der Junghistoriker Answer Lang die - verglichen mit A. Eichmann, W. Höttl oder A. Göth - relativ unbeleuchteten Biographien österreichischer NS-Verbrecher ihrer Quasi-Okklusion vor der Öffentlichkeit. Die drei Österreicher Siegfried Seidl, Anton Burger und Karl Rahm waren nach der Wannseekonferenz 1942 im Rahmen der SS Lagerkommandanten von Theresienstadt.

Die Malediktion vom "Altersghetto" Theresienstadt

Den, durch die Nationalsozialisten in concreto Heydrich und Eichmann geprägten, für das Internationale Rote Kreuz tunlichst konservierten und durch die pro forma "Selbstverwaltung" angereicherten Nimbus von Theresienstadt als einem jüdischen Altersghetto, "in dem privilegierte Juden in einer Art selbst verwalteter Kommune unter erträglichen Bedingungen lebten" - im O-ton: Wolfgang Benz - hat sich bis heute vielerorts mit Hartnäckigkeit konserviert.

Die ehemalige Garnisonsstadt Josephs des II. - gegründet 1790 - wurde nach der Wannseekonferenz bereits am 1. 1. 1942 unter dem Österreicher Siegfried Seidl zum Brückenkopf nach Auschwitz umfunktioniert, als der erste von insgesamt 63 Transporten von Theresienstadt in die Vernichtungslager im Osten transferiert wurde. In toto 141.000 Häftlinge waren in Theresienstadt vor dessen Auflösung Ende 1944 inhaftiert, 33.500 davon starben im Lager aufgrund menschenunwürdiger Lebensbedingungen oder durch Willkür der SS-Aufsicht. Insgesamt 88.000 Häftlinge wurden aber von Theresienstadt nach Osten überführt - für 84.500 von ihnen war dies die letzte Fahrt. Der Historiker Hans Günther Adler - selbst Zeitzeuge Theresienstadts - lässt durch die Erhebung der Daten die Chimäre vom Altersghetto vollends obsolet werden.

Theresienstadt unter dem Doktor der Philosophie - Siegfried Seidl

Dr. Siegfried Seidl (*1911) - nach Abschluss seines Studiums der Geschichte und Germanistik in Wien bereits NSDAP Mitglied, war er ab 1938 als Beamter der Eichmann Abteilung RSHA tätig, von wo aus er 1941 mit der Einrichtung Theresienstadts beauftragt wurde. Dr. Ernst Feldberg, im Oktober 1944 Matrikenführer der "Jüdischen Selbstverwaltung" beschreibt Seidls Kommandantur unter anderem wie folgt: "Da die Geschlechter in Theresienstadt wohnungsmäßig getrennt waren, wurde die Schwangerschaft eines Mädchens meist mit der Verschickung bestraft." Lichtsperren, Prügel- und Peitschen- sowie Todesstrafen waren an der Tagesordnung. Der CIC (Counter Intelligence Service) übergab Seidl nach Kriegsende an die österreichische Justiz, die ihn im August 1947 als Einzigen der drei österreichischen Lagerkommandanten zum "Tode durch den Strang" verurteilte.

Kosmetik am Konzentrationslager - Anton Burger

1943 änderte sich die Programmatik für Theresienstadt unter Reichsführer SS- Himmler. Seidl wurde ins KZ Bergen Belsen versetzt, ein Vorzeigelager sollte Theresienstadt unter dem Lagerkommandant Anton Burger, werden: Nach dem faktischen Anschluss Österreichs am 12. 3. 1938 hatte sich Burger im zweiten Wiener Gemeindebezirk hervor getan, konvertierte sodann von der SA zur SS - Zentralstelle für jüdische Angelegenheiten: Von Eichmann nach Prag gehievt, war er dort nebst Enteignung von ca. 1400 Haushalten für JüdInnentransporte verantwortlich.

Ab 1. Juli 1943 putzte Burger Theresienstadt zur Inszenierung für das Internationale Rote Kreuz (IRC) heraus: Parkanlagen, Kindergärten und Straßennamen sollten die IRC-Inspektionen über täglich 150 Tote im November/Dezember 1943, die Zählung im Bauschowitzer Kessel - einem Mikrozensus der rund 40.000 Häftlinge, bei dem 300 Menschen durch Erfrierung starben - und die Deportation von 10.000 JüdInnen sowie 1.200 polnischen Kindern zur direkten Vergasung nach Auschwitz hinwegtäuschen. Nach Kriegsende entkam Burger der österreichischen Exekutive zweimal hintereinander und lebte bis 1991 in Deutschland, wie in seiner Heimat glücklich auf freiem Fuß. Simon Wiesenthal erfahndete ihn erst 1993, zwei Jahre zu spät für irdische Justiz.

Perfektion von Auschwitztransporten und Schönheitsoperationen - Karl Rahm

Als Hauptscharführer SS und SD stieg Karl Rahm im Oktober 1940 zum Obersturmführer und stellvertretendem Leiter der Zentralstelle Prag auf, von wo er am 8. 2. 1944 von Eichmann nach Theresienstadt zur Komplettierung der eingeleiteten "Verschönerung" an Stelle Burgers befördert wurde. Der letzte Judenälteste von Theresienstadt Dr. Benjamin Murmelstein gibt beim Prozess gegen Rahm in Letomerice/Tschechoslowakei über diese Verschönerungen zu Papier: "Für Tausende Insassen bedeutete dies die Überstellung in die Gaskammern von Auschwitz."

Obgleich es hier auch Lagerhallen für Zyklon B gab, konnten Eichmanns Pläne zum Bau von Gaskammern am Gelände nicht mehr realisiert werden. Als am 23. Juni 1944 nach langem Insistieren schließlich eine IRC-Delegation das Lager besichtigen durfte, hatte Rahm seine Inszenierung einer Main Street Theresienstadt bereits durchkomponiert: Eine Attrappenbank gab wertloses Geld aus, die Turnhalle des Vereins Sokol wurde zum Kultursaal mit Bibliothek und Betstube. Nie rollten jedoch mehr Transporte von Theresienstadt nach Auschwitz als in den letzten Monaten des Krieges.

Nachzulesen sind Rahms, Seidls und Burgers Biographien, Fluchtversuche und aufgearbeiteten Prozessakten in der Seminararbeit von Answer Lang, erschienen auf mnemopol.net.

Answer Lang (geb. 1976) studiert seit Sommersemester 1996 Publizistik und Geschichte an der Universität Wien und FU Berlin mit Schwerpunkten in Medienpolitik in Österreich und der österreichischen Zeitgeschichte. Unter anderem begleiteten sein Studium Tätigkeiten im Österreichischen Patentamt, bei der Berliner Morgenpost, Meta Communication International - außerdem eine Reihe politischer Tätigkeiten im Rahmen der VSSTÖ, als Pressereferent der Bundesvertretung der Österreichischen Hochschüler/ Innenschaft sowie im SPÖ-Europabüro.

Rezension von Oliver Gingrich

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