EU: Medizinerinnen in Österreich haben die schlechtesten Chancen

20. Juni 2002, 09:16
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Dafür den "höchsten Anteil an akademisch gebildeten Hausfrauen" - Grünewald: Frauen wird Karriere noch mehr erschwert

Wien - Mehr als ein Drittel aller österreichischen Ärztinnen und Ärzte sind Frauen. Bei den ErstinskribentInnen der Medizin an der Wiener Universität sind seit mehr als 20 Jahren Frauen in der Mehrheit, seit 1990 gibt es auch durchgehend mehr Medizinpromoventinnen als -promoventen. Allerdings: Nach der Turnusausbildung im Spital "verschwinden" viele Ärztinnen im niedergelassenen Bereich. "Höhere Bereiche" der Karrierewege des ärztlichen Berufs sind Frauen nach wie vor viel weniger zugänglich.

Auf diesen Sachverhalt wiesen Expertinnen am Dienstag bei der vom Referat für Ärztinnen der Ärztekammer für Wien organisierten Veranstaltung "Verdrängte Kapazität? Ärztinnen: gestern - heute - morgen." hin.

Österreich ist Schlusslicht in Europa

Was besonders bedenklich stimmt: Laut dem jüngst auch auf deutsch publizierten Bericht der Europäischen Kommission über Wissenschaftspolitik in der Europäischen Union sind die Prozentsätze von Universitätsprofessorinnen, außerordentlichen Universitätsprofessorinnen und auch jene der an Universitäten definitiv angestellten Frauen in Österreich am niedrigsten von allen europäischen Ländern, und natürlich auch niedriger als in den USA, Kanada und Australien.

"Höchster Anteil an akademisch gebildeten Hausfrauen"

"Dafür dürfen wir uns rühmen, den höchsten Anteil an akademisch gebildeten Hausfrauen zu haben", so der ernüchternde Kommentar von Univ.-Prof. Dr. Christine Marosi, Gleichbehandlungsbeauftragte des Bundes und Lehrende an der Universitätsklinik für Innere Medizin I am Wiener AKH. Seit der Änderung der Berufungsverfahren im Universitäts-Organisationsgesetz 1993, die den BewerberInnen die Möglichkeit gibt, bei Nichtberücksichtigung den Verwaltungsgerichtshof anzurufen, sei laut Auskunft des Wissenschaftsministeriums sogar keine Frau mehr als Professorin berufen worden.

Marosi: "Das geplante Universitätsgesetz setzt die Mechanismen der Frauenförderung außer Kraft und behält nur noch leere Worthülsen, so daß man sich fragen muß, ob in Österreich eine Universitätskarriere für eine Frau überhaupt ein realistisches Ziel darstellt, beziehungsweise wie lange wir es uns leisten wollen, Mädchen zwar auszubilden, ihnen aber keine Chancen mehr einräumen zu wollen, sobald sie erwachsen werden."

Gründe für die schlechteren Karrierechancen von Frauen sieht die Ärztinnen-Referentin der Wiener Ärztekammer, DDr. Ulrike Kadi, auch in nicht vorhandenen Netzwerken innerhalb der Ärztinnenschaft. Männer könnten hier viel besser ihre Seilschaften nutzen, "eine Eigenschaft, die uns Frauen vielfach völlig fehlt", sagte Kadi. So wie Marosi kommt auch Kadi zu dem Schluß, daß es im Arztberuf "nach wie vor keine wirkliche Chancengleichheit für Frauen und Männer gibt".

Positive Unterschiede im Verhalten zum/zur Patienten/in

Dabei weisen eine Reihe von Studien darauf hin, daß es in der direkten Arbeit an dem/der PatientIn einige sehr wesentliche Unterschiede in der Arbeit von Ärztinnen gegenüber ihren männlichen Kollegen gibt. Demnach hören Ärztinnen besser zu und stellen mehr Fragen. Sie haben wesentlich längere Gespräche mit ihren PatientInnen, machen mehr Diagnostik und geben häufigere Kontrolltermine. Weiters verschreiben Ärztinnen weniger Medikamente, achten auf praktische Durchführbarkeit der ärztlichen Anweisungen und beachten psychosoziale Zusammenhänge stärker als ihre männlichen Kollegen.

Grüner Wissenschaftssprecher teilt Befürchtungen

"Die Rückkehr zu alten Hierarchien und Abhängigkeiten, die durch die derzeit diskutierte Universitätsreform, erfolgt, wird es Frauen noch schwerer machen, an der Universität Karriere zu machen", so Kurt Grünewald, Wissenschaftssprecher der Grünen, der die geäußerten Befürchtungen der Arbeitskreise für Gleichbehandlungsfragen und die Kritik Christine Marosis teilt. Allein, dass ein Senat mit der garantierten absoluten Mehrheit der meist männlichen Professoren die Mitglieder der Gleichbehandlungskommission ernennt, zeigt, wie schwer es Frauen in Zukunft haben werden.

Den österreichischen Universitäten werden von Regierungsseite immer die USA als Vorbild hingestellt. Doch mit dem Vorbildcharakter ist es nicht weit her, denn obwohl dort wesentlich mehr Frauen in höheren Funktionen tätig sind, ist ein Rückgang bemerkbar. In der letzten Ausgabe des internationalen Top-Journals "NATURE MEDIZIN" beschäftigen sich etwa gleich zwei Editorials mit dem Rückgang von Frauen in der Medizinischen Forschung der USA. (red)

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