Asiatisches Wechselbad der Gefühle

18. Juni 2002, 21:04
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Katerstimmung in Japan, Euphorie in Südkorea erreicht unbekannte Dimensionen

Sendai/Seoul - Die WM-Gastgeber Südkorea und Japan versetzten am Dienstag im Achtelfinale Millionen Anhänger in beiden Ländern in ein Wechselbad der Gefühle. Während in Korea der dramatische Sensations-Coup gegen Italien (2:1) eine ganze Nation in Entzücken versetzte, herrschte im Land der aufgehenden Sonne nach dem 0:1 gegen die Türkei emotionale Düsternis. "Das geht über jede Vorstellungskraft. Ich erfreue mich daran, diesen feiernden Menschen zuzusehen", frohlockte Südkoreas Coach Guus Hiddink nach dem "Golden Goal" seines Goldburschen Jung-Hwan Ahn.

Noch einmal wurden beide Völker von der Magie des Fußballs gefesselt - doch wie geht es weiter, wenn in Japan die Katerstimmung über den Knockout die Menschen überwältigt. "Der Enthusiasmus in Asien übertrifft sogar die WM in Mexiko 1970", urteilte Keith Cooper, Mediendirektor des Weltverbandes FIFA. "Doch die Frage ist, wie viele Fans bleiben dem Fußball erhalten."

3,5 Millionen Menschen vor Großleinwänden

In Südkorea verfolgten nach vorsichtigen Schätzungen allein 3,5 Millionen Menschen auf 310 Plätzen, Straßen und Parks auf Großleinwänden das Spiel der Spiele gegen Italien. Die Feiern danach dauerten bis in die frühen Morgenstunden. Friedensnobelpreisträger und Staatschef Kim Dae Jung sah sich die Partie entgegen der Ankündigung doch im Stadion an und wurde wie schon beim 2:0 gegen Polen und dem 1:0 gegen Portugal zum Glücksbringer für seine Elf.

Allein in der südkoreanischen Hauptstadt verwandelten rund 470.000 Menschen mit Korea-T-Shirts die City in ein "Meer in Rot". Unweit des deutschen WM-Quartiers in Seogwipo sahen im World Cup Stadium 15.000 Fans den historischen Viertelfinal-Einzug ihrer Mannschaft, die überall mit dem Schlachtruf "Taehan Minguk" nach vorne gepeitscht wurde.

Schweigen in Japan

In Japan legte sich hingen nach dem WM-Aus für einen Moment Schweigen über das Land. Viele Fans im verregneten Stadion Miyagi und vor den Bildschirmen weinten. "Es ist so einsam geworden", sagte eine Hausfrau mit trauriger Stimme. Ganz Japan erwachte an diesem Dienstagabend aus einem Traum. Was folgte, war Ernüchterung. "Shikataganai - da kann man nichts machen".

Doch auch ein anderes Wort hatten viele Japaner an diesem Abend auf den Lippen: "Gambatta - Sie haben ihr Bestes gegeben", sagte ein junger Mann und sprach damit Millionen von Landsleuten aus der Seele. "Arigatou Nippon - Danke Nippon" sangen die Menschen in den Sportbars und vor den Großbildschirmen der Städte in Chören. "Es ist schade, sie haben es gut gemacht", befand Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi und fügte hinzu: "Die Mannschaft hat das Volk zur Aufregung und zu Emotionen verholfen. Ich möchte mich bei Troussier und den Spielern bedanken."(APA)

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