EU-Demokratie als Studienobjekt

18. Juni 2002, 18:43
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Neues Forschungsprogramm kurz vor der Ausschreibung

Wien - Seit zwei Jahren gab es vom Wissenschaftsministerium kaum mehr Forschungsaufträge: kein Geld. Das Budget der zuständigen Sektion wurde von Ministerin Gehrer überwiegend zum Stopfen durchaus sachfremder Finanzierungslücken verwendet, etwa durch den Kauf von Geräten für das AKH. Also beantragte die Sektion ihren Förderschwerpunkt "Demokratieentwicklung in der EU" beim Rat für Forschung und Technologieentwicklung - mit Erfolg: Der Rat zahlt die erste der drei Tranchen des Programms.

Vergangene Woche lud die zuständige Abteilungsleiterin Ilse König die Forschergemeinde zur Präsentation des Programms ins Ministerium ein, der Andrang war enorm. Das Ministerium ist nämlich für die Sozial- und Geisteswissenschafter - insbesondere für die außeruniversitären - nach wie vor die wichtigste Fördereinrichtung. Bis Anfang Juli will Königs Abteilung die Ausschreibung fertig stellen, sprich: die Einladung, Projekte einzureichen.

Die Richtlinien dazu lässt König auf eher revolutionäre Weise erarbeiten: War doch der Hauptzweck der Präsentation nicht, die Scientific Com- munity von den Plänen des Ministeriums zu informieren, sondern - gerade umgekehrt - den vollzählig anwesenden wissenschaftlichen Programmbeirat von den Wünschen der Community, die in den Ausschreibungstext so weit wie möglich Eingang finden sollen.

Die Beiratsmitglieder (unter denen sich - auch das eine kleine Revolution - keine Österreicher und auch keine in Österreich Tätigen befinden) waren von einer solchen Präsentation anfangs nicht begeistert - was sich während der Diskussion änderte.

Drei inhaltliche Schwerpunkte wird es geben: "Governance" (also das Verhältnis der öffentlichen Institutionen sowohl zur Zivilgesellschaft als auch untereinander), "Gleichheit - Ungleichheit - Differenz" sowie "Arbeitswelt". Alles möglichst weit gefasst, um von der soziologischen über die politologische, historische oder sozialgeografische bis etwa zur kommunikationswissenschaftlichen Perspektive nichts und niemanden auszuschließen.

Eingereicht werden sollen zunächst Projektskizzen, die zwischen Beirat, Ministerium und Antragstellern so zu diskutieren und zu modifizieren sind, dass Überschneidungen vermieden und sinnvolle Ergänzungen gefunden werden; auf dieser Grundlage folgen die formellen Projektanträge.

Wermutstropfen: Die zwei Millionen Euro, die zur Verfügung stehen, werden allzu rasch aufgebraucht sein. Der Rat für Forschung und Technologieentwicklung hat den Ball für die Fortsetzung des Programms dem Ministerbüro zugespielt - mit dem Hinweis, die Regelbudgets dürften nicht auf Dauer zweckentfremdet werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.6.2002)

Von Robert Schlesinger
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