Die Fußball-Ahnung

19. Juni 2002, 19:51
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19. 6. 2002 - Fernsehen macht derzeit nur mit Fußball Sinn

"Willkommen zurück!" Die zweite Halbzeit beginnt, das TV-Tagebuch ist noch nicht fertig, und so verschränken sich an dieser Stelle einmal mehr Leben und Arbeit: Worauf man vor drei Wochen noch keinen Cent gesetzt hätte, das ist inzwischen eingetroffen: Fernsehen macht derzeit nur mit Fußball Sinn.

Das mit dem Wetten hat sich mit fortschreitender Turnierdauer übrigens auch anderweitig erledigt. Entsprechende Ambitionen - Schweden! Japan! - haben einem wohlmeinende Auskenner - "das bringt doch eh nichts" - auf ihrem kurzen Freigang zwischen zwei Spielen und zwei Wettannahmestellen gerade noch zur rechten Zeit ausgeredet.

Dafür, dass diese Fußball-WM getreu medientheoretischen Erkenntnissen eigentlich gar nicht stattfindet (weil man sie nämlich nur auszugsweise sehen kann), gibt sie einem jedenfalls reichlich zu denken. Wer mit dem Bild des kettenrauchenden, hageren Luis Cesar Menotti groß geworden ist, der kann etwa über die biederen Lange-weiler-Trainer, die Kaugummi kauen oder sich allenfalls dunkle Flecken in die gebügelten Oberhemden schwitzen, nur den Kopf schütteln.

Gute alte Freundinnen begrüßen einen gerne viel sagend mit Fachausdrücken wie "Fallrückzieher". Telefonate während Liveübertragungen sind praktisch unmöglich geworden, wohingegen man sich nach Spielende telefonisch austauschen muss, dass es eine wahre Freude ist. Und langsam wächst in uns die Ahnung, dass die Zeit "danach" nicht leicht werden wird. (irr/DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 19.6.2002)

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