Der König in der Großraumdisco

18. Juni 2002, 20:34
posten

Aus aktuellem Anlass: Elvis Presley wurde "Kopf des Tages"

Wer tot ist, kann einiges überleben. Deshalb haben sie auch eine Kirche nach ihm benannt, The Church of Elvis Presley. Deren Mitglieder verehren zwar einen christlichen Gott mit allem Drum und Dran. Im Zweifel aber räumen sie dem Rock 'n' Roll gegenüber Hirtenbriefen doch den Vorzug ein. Am Anfang war das Wort, und es sagte: There shall be rock!

Derartig spirituell abgesichert, steckt Elvis Aaron Presley auch locker weg, dass von führenden Notaren mit ei- nem Diplom der Baumschule Lynchburg, Texas, beglaubigter Originalschweiß von ihm in kleinen Fläschchen ebenso käuflich zu erstehen ist wie diverse original durchnässte Schals und Handtücher.

Sein Konterfei ziert Kaffeehäferln, Fußmatten, Nasenhaarentferner, Hundedecken. Es gibt Kochbücher mit seinen Lieblingsrezepten. Stichwort: Essen gibt Kraft! Auch der amerikanische Sensationsjournalismus lebt neben Berichten über Geburten von dreiköpfigen Vierlingen irgendwo in einem verträumten Inzestdörfchen in den Wäldern von Arkansas zu einem guten Teil davon, dass Elvis alle paar Wochen irgendwo anonym gesichtet wird.

Elvis Presley nämlich ist im August vor 25 Jahren gar nicht an einer Überdosis Speiseeis und Beruhigungspillen für Elefanten gestorben. Oh, nein! Er tauchte nach der Vortäuschung seines Abgangs unter, weil - je nach Verschwörungstheorie - die CIA, der KGB oder außerirdische Mächte hinter ihm her waren. Mit seinen Strampelanzügen und sei- nen unglaublich großartigen, weil selbstzerstörerischen und tief berührenden Las-Vegas-Shows der Spätphase wurde er ihnen allen damals zu gefährlich. Warum? Niemand weiß es. Aber Bücher werden darüber geschrieben.

Wie gesagt, Elvis Presley, der wichtigste Künstler des Jahrtausends, der mit seinem Hüftschwung die Welt ebenso entscheidend veränderte wie mit der Erfindung des vorehelichen Sex, Elvis hält so viel aus, dass er jetzt natürlich auch das locker wegsteckt:

Mit seiner neuen Single A Little Less Conversation, bekannt aus dem Nike-Fernsehspot zur Fußball-WM, schlug er soeben in Großbritannien die Beatles als erfolgreichste Popkünstler aller Zeiten mit insgesamt 17 Nummer-eins-Hits. The King hält ein Vierteljahrhundert nach seiner Himmelfahrt jetzt bei 18.

Möglich gemacht hat das der ansonsten eher für unterbelichteten DJ-Ötzi-auf-Drogen-Techno bekannte niederländische DJ Junkie XL. Der musste sich zwar mit Rücksicht auf die Presley-Familie in JLX umbenennen. Sein nach dem Sexbomb-Modell von Tom Jones und Mousse T gefertigter Remix eines erfolglosen Songs aus der Filmklamotte Live a little, love a lot aus 1968 präsentiert Elvis jetzt allerdings endlich in der Groß-raumdisco unseres Missvergnügens. Hossa, hossa! (DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2002)

Von Christian Schachinger
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.