Wiener Mozart-Zyklus: Unfruchtbarer Abend

18. Juni 2002, 19:41
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"Così fan tutte" im Theater an der Wien

Wien - Wie das bei Zyklen nun einmal ist: Es gibt Abende, die können heiß sein, wie sie wollen, und sie führen zu nichts. Oder lassen einen, wie im Fall des montägigen Così-Abends im so genannten Wiener Mozart-Zyklus, kalt. Aber zugegeben, bei solchen Außentemperaturen ist bald jeder klimatisierte Unterstand recht. Und wäre es das von der Staatsoper temporär als Mozart-Shelter besetzte Theater an der Wien.

Außerdem: Wo steht denn wirklich geschrieben, dass man in einem Theater unbedingt auf die Bühne schauen muss? Verkniff man sich derlei Unvorsichtigkeit, hätte man Montagabend nämlich meinen können, man sitzt (eng gepfercht, aber immerhin) in einer formidablen Così.

Verborgene Rhetorik

Das hätte nach Lektüre des Besetzungszettels natürlich auch ein Tauber gewusst. Denn keiner außer Riccardo Muti spürt gegenwärtig der jenseits der Taktstriche und viel öfter zwischen als in den Noten verborgenen Rhetorik dieser Musik mit solchem Spürsinn nach und bringt diese mit einer jeden Widerspruch niederspielenden Überzeugungskraft zum Klingen. Und dies sogar noch dann, wenn die Wiener Philharmoniker - sicher aus thermischen Gründen - nicht immer in Hochform sind.

Umso mehr war dies erfreulicherweise bei den Solisten der Fall. Barbara Frittolis Fiordiligi und Michael Schades Ferrando sind allerdings Klanggestalten aus den weit entrückten Regionen der Vollendung, in denen Angelika Kirschlagers Dorabella und der Guglielmo von Boje Skovhus trotz aller sängerischer Attraktivität - noch - nicht beheimatet sind, aber gemeinsam mit Stefania Bonfadellis apart herber Despina mit Sicherheit erwartet werden dürfen.

Die Verführerqualitäten des wenn auch korrekt, so doch ziemlich allgemein klingenden Don Alfonso waren freilich ganz dazu angetan, nicht nur die jungen Liebenden zur mutuellen Untreue zu stimulieren, sondern auch den verzückten Zuhörer zu so manchem indiskreten Blick auf die Bühne zu verleiten und Österreichs Hochkultur in flagranti bei einer peinlichen Tätigkeit zu ertappen, die man hier zu Lande Mozartpflege nennt.

Im Falle dieser die Festwochen verunzierenden Così besteht sie vor allem darin, diese von Lorenzo da Ponte mit unnachahmlicher Eleganz komponierte erotische Doppelfuge zwischen Mauro Carosis schwerfälligen Dekorationen einzukerkern. Allein schon die mit allen Details zelebrierte Süße der Prospekte könnte da leicht zum Davonrennen verleiten.

Der Rest heißt Roberto de Simone. Die artifizielle Gewerblichkeit seiner ausschließlich auf äußerliche Verhübschung bedachten Inszenierung ist seit der Premiere (1994) zum überwiegenden Teil vergammelt, sodass sich irgendwie geprobt wirkende Abläufe beinah wie Störfälle der Beiläufigkeit ausnahmen.

Offizielle Rhetorik

Nicht ausschließlich für hartgesottene Mozartvoyeure, sondern auch für empfindlichere Gemüter eigentlich erstaunlich gut erträglich, präsentierte sich das szenische Geschehen nach Vorstellungsschluss, als nach gebührendem Jubel für die Sänger Riccardo Muti nach einer munteren deutsch-italienischen Laudatio durch Ioan Holender von Kulturstaatssekretär Franz Morak zum Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper ernannt wurde.

Im Verlauf seiner respektvollen Adresse meinte Morak, nach seinen vielen Auslandsreisen sei er allmählich zur Einsicht gekommen, dass die Musik es ist, die international als Österreichs "zentrale Kompetenz" angesehen wird. Wenn sich zu dieser Einsicht auch noch jene gesellt, dass Musiktheater wie jenes am Montagabend mit Musik eigentlich nichts zu tun hat, müsste er dem einsamen Buhrufer nach dieser Così auch noch zum Ehrenmitglied der Staatsoper ernennen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2002)

Von Peter Vujica
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    foto: festwochen/zeininger
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