Flucht vor Bescheidenheit

20. Juni 2002, 21:18
posten

"Davaj" - Kunst aus Russland "aus dem Laboratorium der freien Künste" im Wiener MAK

"Davaj", übersetzt etwa "Los, los!" oder "Gemma!", steht als Motto über der Schau mit aktueller Kunst aus Russland "aus dem Laboratorium der freien Künste" im Wiener MAK.


Wien - Majakowski 1923 im Café Horcher in Berlin: "Ich möchte gern fünf Portionen Melone. Ich bin ein russischer Dichter - ich kann nicht anders. Ich muss übertreiben." - Seine Haltung setzt sich als typisches Merkmal der russischen Kunst bis heute in den Köpfen fest. Klischee? Eigentlich nicht, meinen drei Kuratoren aus dem Westen, Bettina Busse, Christine Bauermeister und MAK-Chef Peter Noever. Sie haben, um den westlichen Einfluss den Russen nicht zu sehr aufs Auge zu drücken, Kuratoren aus den Zentren Moskau und St. Petersburg eingeladen, und auch aus Ischewsk, Jekaterinburg, Kaliningrad, Nishnij Nowgorod, Novosibirsk, Samara und Wladiwostok.

Rund 40 Kunstschaffende breiten nun ihre Arbeiten in quasi wohnlicher Atmosphäre im MAK aus. In einem als Museum konservierten Jugendzimmer huldigt Alexander Schaburov seiner Kunstfigur "Iwan der Frosch", einem russischen Superman. Fotos genähter Herzen führen zu einem weiteren Privatheiligtum, den von der "Fabrik gefundener Kleider" mit Schusswundenfotos versehenen Textilien, die auf Russlands erste Terroristin, Vera Iwanowna Sassulitsch (1850-1919) verweisen.

Erfüllt dies schon die Kriterien "jung und radikal", für diese bereits im Februar in Berlin gezeigte Ausstellung namens Davaj! Russian Art Now? Mitnichten. Noever konstatiert eine "Radikalität, die außerhalb Russlands nicht vorhanden ist". Nach dem generell ohne Kunst aus Osteuropa stattfindenden "Depressions-Parcours" (Der Spiegel) in Kassel macht sich hier Witz breit, der sich aus dem absurden Theater und aus abstrusen Privatmythologien speist.

"Extrem realistisch oder unglaublich bescheiden" müssen laut Bauermeister Künstler im heutigen Russland sein, für die sich - nach der großen Russen-Mode nach 1989 - kaum jemand mehr interessierte. Da könne man ja nur flüchten, meint etwa Gruppe escape, Galerie und Touristikbüro in einem. Sie flüchtet in die Fiktion und setzt Kunstkonsumenten mit Touristen gleich, bietet folgerichtig Touren wie nach Zarendorf an: "Entdecke Puschkin in sich selbst". Viele noch nicht entschlüsselte Codes müssen noch geknackt werden, auch der Kontext, in dem all diese Werke entstehen. Das macht die Ausstellung schmerzlich bewusst, auch wenn sie anregt: "Davaj, davaj!". (DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2002)

Von
Doris Krumpl

Links

mak.at

escapeprogram.ru

Bis 22.9.
Share if you care.