"Wir brauchen Raum für Spontaneität"
Festwochen- Intendant Luc Bondy über eine "labyrinthische Folge großer, kleiner Geschichten"

19. Juni 2002, 23:26
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Als "labyrinthische Folge großer, kleiner Geschichten" erlebte Intendant Luc Bondy die diesjährigen Wiener Festwochen. Im Gespräch mit Claus Philipp und Ronald Pohl sieht er das Festival durch programmatische Wagnisse legitimiert und schließt Koproduktionen mit der Wiener Staatsoper vorerst aus.


Standard: Wenn Sie diese zu Ende gehenden Festwochen vorm geistigen Auge Revue passieren lassen: Was für ein Film entsteht da im Kopf?
Bondy: Short Cuts! Eine labyrinthische Folge von kleinen, großen Geschichten - erst recht, weil sich etwa das forumfestwochen ff von Marie Zimmermann sehr nachdrücklich ins Programm hineingespielt und bewährt hat. Das ergab eine produktive Überforderung, bei der das Publikum selbst initiativ werden, Prioritäten setzen musste. Und das ist für mich das, was ein Festival ausmacht.

Manchmal fragten Leute: Warum zeigt ihr nicht weniger und das konzentriert? Aber wenn es an einem Abend drei Premieren statt einer gibt, wie bei einem Filmfest, dann ersetzt das gleichsam das konventionelle "Highlight" durch Abfolgen von Blitzlichtern. Ich fuhr heuer manchmal am Abend von einem Spielort zum nächsten, es entstanden verrückteste "Montagen": Hier 20 Sänger auf einem Baugerüst (in Tall Stories), da betrunkene Iren (Portia Cough-lan), dort Schostakowitsch (in The Noise of Time) und das ambivalente Verhältnis zwischen Kunst und Macht. Es wäre interessant, das verstärkt zu probieren: dass Leute an manchen Abenden durch mehrere Ereignisse eines Festivals flanieren . . .

STANDARD: Bedürften die Festwochen dafür aber nicht erst recht eines stärkeren "Zentrums"? Das MQ war als kommunikativer Raum wieder nicht gerade ideal.
Bondy: Ich sehe das auch als Problem: Dieses neue Ding strahlt nicht gerade viel Freundlichkeit aus. Leider wurden bei der Planung die Künstler, die das bespielen sollen, z. B. auch ich, zu wenig befragt. Im nächsten Jahr planen wir aber ein Zelt im MQ für Diskussionen und Rahmenveranstaltungen. Und rund um dieses "Zentrum": noch mehr Dezentralisation.

Was mir heuer auch stark auffiel: Offenkundig erschließen sich die Festwochen gerade eine neue Publikumsschicht, weniger im Sinne einer Altersgruppe als einer Klientel, die man sonst im Theater nicht so oft antrifft. Ich glaube, dass wir diesbezüglich heuer noch Früchte aus dem Schlingensief-Jahr 2000 ernteten: Die Container-Aktion Ausländer raus! hat sicher auch zur Öffnung des Festivals beigetragen - davon abgesehen, dass sie wahrscheinlich das Interessanteste war, was jemals in der Nähe der Staatsoper passiert ist.

STANDARD: Wie hat sich für Sie seither die Atmosphäre im Lande entwickelt?
Bondy: Dass man sie in einem größeren europäischen Kontext "lesen" muss, ist noch klarer geworden - ebenso, wie schleichend gewisse Prozesse der Entwertung etwa von Kultur ablaufen. Andererseits muss man beim "Rechtsruck" Folgendes mitbedenken: Es war schon öfter der Fall, dass konservative Regierungen besser vor Rechtsextremismus schützen konnten als die Linke. Als etwa Mitterand seinerzeit die Kommunisten aus der Regierung drängte, sind viele von denen in Le Pens Lager übergelaufen. Es scheint so, als wäre in Zeiten wie diesen der Rechtskonservativismus in seiner Stärke eine Garantie, dass die Schwelle zum Rechtsextremismus nicht überschritten wird.

Das Leidige an den Debatten, die unterdessen von Möllemann bis Walser entbrennen, ist nur: Die Leute vermischen dabei alles. Von Israel über den 11. September bis zur Ausländerpolitik.

Und es gibt Länder, in denen diese Vermischung aus historischen, individuellen Gründen leichtfertiger geschieht als anderswo. Aus Deutschland wird derzeit ein antizionistisches Statement mehr Erregung verursachen, als wenn diese Bemerkung aus England oder Frankreich käme. Und ebenso ist es mit möglicher Kritik, die besagt, dass Sharons Politik für Israel nicht die konstruktivste ist. Man muss das aber sagen können. Es gibt jedoch einen markanten Unterschied zwischen Israel-Kritik und einem dezidierten Antizionismus, hinter dem sich nicht selten antisemitisches Denken verbirgt.

STANDARD: In welche Richtung denken Sie nun die Festwochen weiter? Einige Vorführungen waren weniger gut besucht.
Bondy: Seltsamerweise haben wir immer mit den Produktionen Probleme, die wir kurzfristiger einplanen - wie z. B. heuer die Reihe "zeit-zone": Wenn die Leute ihren Terminplan abgesteckt haben, sind sie oft nicht mehr flexibel genug, Dinge wahrzunehmen, die wir kurzfristig "gewagt" haben: Dabei würde ich viel lieber noch spontaner agieren. Bei Opern stört es mich etwa sehr, dass man alles nur langfristig angehen kann. Drei, vier Jahre ein Projekt obsessiv verfolgen: Das kommt mir bescheuert vor. Gerade ein Festival wie das unsere benötigt Raum für Spontaneität.

STANDARD: Andererseits hat sich, eben auch in Highlights wie Thalheimers Liliom oder Castorfs Der Meister und Margarita, das Stadttheater bis auf weiteres als unverzichtbare Produktionsstätte erwiesen.
Bondy: Sagen wir es so: Die Zukunft gehört weiterhin Orten und Werkstätten, an denen kontinuierliche Arbeit möglich ist, auch über Fehler und Misslingen hinweg. Wobei das "Stadt- und Staatstheater" von heute mit dem meiner Jugendtage nicht vergleichbar ist. Ein derart vielfältiges Spektrum junger Regisseure war damals undenkbar. Man durfte als junger Mensch nichts ausprobieren und musste stattdessen assistieren bis zum Verblöden. Ich war da eine glückliche Ausnahme.

Und was ich noch feststelle - aber das kann auch nur mein Gefühl sein: Die Leute suchen derzeit wieder Geschichten. Einfach Geschichten. Pur. Uninterpretiert. Das widerspricht eigentlich lange gebräuchlichen Gegebenheiten im deutschen Sprachraum. Es ist hier ja üblich, jeden Satz, jede Regieanweisung abzuklopfen auf Bedeutung. Und das verschwindet derzeit.

STANDARD: Es war übrigens auffällig, dass heuer im Programmheft keine Hierarchien mehr zwischen "großen Kisten" und kleinen Off-Produktionen herrschten.
Bondy: Ja, wir dürfen keine Institution werden, wo der Besucher quasi von vornherein weiß, wo er wie bedient werden wird. Wenn immer klar ist, wo die "sicheren Hits" laufen, hat man es mit erstmaligen Wagnissen, die möglicherweise in den Folgejahren zu Publikumsmagneten werden, doppelt schwer. Aber gerade hier legitimiert sich ein Festival, und gerade hier wird es im Musiktheaterbereich problematisch: Dort sind wir auf lange geplante Koproduktionen angewiesen - wie ich das etwa zuletzt mit Aix en Provence und The Turn of the Screw vorexerziert habe: Wo soll ich hier in Wien professionell eine Oper produzieren? Mit wem? Ganz sicher nicht mit Herrn Holender.

STANDARD: Warum?
Bondy: Er hat uns drei Jahre lang seine jedenfalls szenisch verstaubten Mozart-Produktionen aufgenötigt und mich umschmeichelt, um den ganzen Da-Ponte-Zyklus bei uns zeigen zu können. Nun ist das Projekt zu Ende, und er weiß nichts Besseres zu tun, als hinter meinem Rücken öffentlich sein rhetorisches Messerchen gegen die Festwochen zu wetzen - anlässlich eines Streits, der zwischen den Betroffenen längst beigelegt ist und ihn nichts angeht. Da kann ich nur mit dem Bassa Selim aus Mozarts Entführung sagen: "Wen man durch Wohltun nicht für sich gewinnen kann, den muss man sich vom Halse schaffen."

STANDARD: Nach einer längeren Filmpause kehren Sie jetzt zum Kino zurück: Wann beginnen die Dreharbeiten?
Bondy: "Pause" ist schmeichelhaft: Ich bin ein Theatermann, der Anfang November seinen dritten Film zu drehen beginnt. Das Drehbuch stammt von Philippe Dijan, der hierzulande mit Betty Blue bekannt wurde. Die Hauptrollen sollen Bruno Ganz und Jane Birkin spielen.

STANDARD: Was reizt Sie gerade jetzt wieder am Kino?
Bondy: Es kann ein höchst intimes Medium sein. Und in den letzten Jahren war das auch im Theater so ein Hang von mir: Je älter ich werde, und je mehr ich arbeite, desto mehr interessieren mich leise Geschichten, bei denen ich so nah wie möglich rangehen muss.

STANDARD: Wenn Sie nun zuletzt sagten, Anatol könnte für Sie einen Wendepunkt markieren, wohin geht es jetzt am Theater weiter?
Bondy: Für die Festwochen inszeniere ich das neue Stück von Peter Handke - über einen Mann in einer U-Bahn, der haltlos Leute beschimpft: ihre Gesichter, ihr Denken, alles.

STANDARD: Eine Großaufnahme in der Totalen?
Bondy: Das hat jedenfalls schon technische Tücken: Das Stück beginnt "unterirdisch", und dann ändert sich die U-Bahn in eine Hochbahn. Leute steigen ein und aus. Die Stationen sind in den USA, in Russland, Wien etc. Das ist technisch kompliziert, aber zugleich wird es höchst intim.

STANDARD: Und was lesen Sie gerade? Auf Ihrem Schreibtisch liegen Montaignes Essais.
Bondy: Montaigne ist für mich der Weiseste überhaupt. Den lese ich immer wieder. Von ihm lernt man die richtige, notwendige Distanz zu den Dingen. Und die muss auch ich mir immer wieder von Neuem aneignen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2002)

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