Harte Sachen für die Minderheit

18. Juni 2002, 18:57
posten

Enquete: Drogenkonsumenten werden älter, Trinken bleibt Hauptproblem

Graz - Erstmals kamen im steirischen Landtagssitzungssaal, wo freiheitliche Abgeordnete regelmäßig ihre Anti-Drogen-Kampagnen - wie etwa Dealer-Kopfgeld oder zuletzt die Bürgerwehr - propagieren, am Dienstag bei der Enquete "Suchtverhalten" auch Experten zum Thema Drogen zu Wort. Die Wissenschafter unterschiedlichster Herkunft legten Zahlen und Fakten vor, also jene Komponenten, die in der Diskussion um die kolportierte "Drogenhauptstadt" Graz bisher meist fehlten.

Konsumtrends

Renate Brosch, Oberärztin der Drogenentzugsstation des Wiener Anton-Proksch-Instituts, zeichnete die großen Trends im Drogenkonsum der Österreicher nach: Der Konsum von Cannabis, Amphetaminen, Designerdrogen und biogenen Drogen habe bei Jugendlichen in den letzten zehn Jahren zugenommen, bei Heroin könne man keine Steigerung verzeichnen. Und die Drogenkonsumenten werden älter. Die Gruppe jener, die älter als 35 Jahre sind, habe auffallend zugenommen, so Brosch.

Kriminalisiert sehen wollen die Drogenkonsumenten viele nicht. So auch der Grazer Drogenkoordinator Ulf Zeder, der befand, dies sei auch "moralisch abzulehnen". Zeder verwies im Gegenzug auf "das große Problem der legalen Drogen" und des Jugendschutzgesetzes - die "Sauferei" der Jugendlichen.

Auch der Grazer "Drogenrichter" Helmut Wlasak stellte dazu unmissverständlich fest: "Alkohol ist das Hauptthema der Justiz. In 80 Prozent der Fälle von Kleinkriminalität, die auf den Richtertischen landen, ist Alkohol im Spiel".

Chronischer Schlafmangel, Verhaltensstörungen, der Rückzug vor Freunden und Familienangehörigen, Probleme bei der Arbeit und heftige Entzugserscheinungen - wenn man zum Beispiel nicht im Internet surfen darf: Das seien nur einige Begleiterscheinungen neuer Süchte, die sich durch neue Medien, wie das Internet oder Mobiltelefone in der Bevölkerung verbreiteten. Franz Eidenbenz, Psychologe und Geschäftsführer der Zürcher Beratungsstelle "Offene Tür", sieht, was noch harmlos klingt, als zunehmend wichtige Zeichen einer ernst zu nehmenden Sucht.

Eidenbenz erkennt moderne Verhaltensstörungen als Gefahren und Folgen dieser "neuen Drogen", die in fast jedem Haushalt zugänglich sind. Jugendliche gehörten dabei zur Risikogruppe. Sein Beleg: Von jenen, die Eidenbenz befragte, gaben 94 Prozent an, zu Hause einen Internetanschluss zu haben.

Andererseits könnten Jugendliche virtuelle Welten als Testgelände nutzen und andere Identitäten ausprobieren. Eidenbenz: "Ein selbstbestimmter, sinnvoller Umgang ist auch hier das Wichtigste." (DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2002)

Von Colette M. Schmidt
Share if you care.